Ausstellung

Spitzen des Art déco

1925-1929 wurde das Grassimuseum am Johannisplatz als eines der modernsten Museums-Ensembles seiner Zeit errichtet. Die prächtige Pfeilerhalle, heute eine Rekonstruktion des während des Zweiten Weltkrieges zerstörten Raumes, diente als Eingangsbereich und Präsentationsfläche für die deutschen Länderbeiträge der damaligen Grassimessen. Sie gilt als einer der schönsten Art déco-Säle weltweit und atmet auf eigentümliche Weise den Zeitgeist der zwanziger Jahre.

Pressekonferenz mit Koordinatorin Miriam Heckhoff, Direktor Dr. Olaf Thormann und Sammler Prof. Dr. Peter W. Schatt Foto: S.v Gwinner

In der aktuellen Ausstellung „Spitzen des Art déco – Porzellan im Zackenstil“ wird das Zusammenspiel von Architektur und Objekten auf kongeniale Art sichtbar. So wie die kristalline Architektur der Pfeilerhalle in ihrer Zeit verankert war, folgten auch die modernen Porzellandekore den Prinzipien der Stilisierung: als Abstraktionen der Natur, durchdrungen von Geometrie und Einflüssen fernöstlicher Gestaltungskultur. Die Exponate der Ausstellung, die uns quasi als Gesamtkunstwerk auf eine spannende Zeitreise führen, wurden von drei Hamburger Privatsammlern als Leihgaben zur Verfügung gestellt. Gisela Krause-Ausborn, Gerhard Ausborn und Prof. Dr. Peter W. Schatt vereinen ihre Schätze zu einem wirklich außergewöhnlichen Überblick auf die Porzellangestaltung des Art déco.

Blick in die Ausstellung „Spitzen des Art déco“
Foto: S.v Gwinner

Nur über den sehr kurzen Zeitraum von 1918 bis in die frühen 30er Jahre wurden diese Porzellane mit großem handwerklichen Aufwand hergestellt. Gleiche Formen erhielten durch unterschiedliche, zumeist sehr aufwendige Bemalung völlig verschiedene Charaktere. Also waren schon damals die Preise im höheren zweistelligen Markbereich angesiedelt – abhängig von der Qualität der Bemalung und des Einsatzes von poliertem Gold. In Folge der Grauen des Ersten Weltkrieges gab es, trotz aller materiellen Not, ein großes Bedürfnis nach Erbauung und Dingen, die die Seele wärmten. Man kann sogar vermuten, dass die meisten Objekte, Service, Dosen, Vasen lediglich in Vitrinen bewundert und höchstens zu Feiertagen benutzt wurden. Man erkennt dies z. B. an dem Abnutzungsgrad des Goldes. Die meisten Exponate sind in makellosem Zustand erhalten.

Gisela Krause-Ausborn und Prof. Dr. Peter W. Schatt führen durch die Ausstellung „Spitzen des Art déco“
Foto: S.v Gwinner

Die Sammler sind dankbar für die Ehre, ihre Sammlungen an diesem Ort des Grassimuseums vorstellen zu dürfen. Sie freuen sich ganz besonders darüber wie die Objekte in den Vitrinen der Pfeilerhalle mit der Idee des Aufbruchs korrespondieren, die in der Architektur wie in den Porzellanen erlebbar wird. Die Sammlungen stehen normalerweise in drei verschiedenen Haushalten – in völlig anderer Ordnung, teils nach Manufakturen sortiert. Gisela Krause-Ausborn pflegt seit ihrer Jugend eine Vorliebe für Mokkagedecke und besitzt eine der umfangreichsten Sammlungen der Firma Jaeger & Co, über die sie auch ein Buch publizierte.

Der Maler Gerhard Ausborn ließ sich 1967 durch eine kleine Dose in einem Trödelladen in Taragona verführen, da ihr Dekor ihn so sehr an Kandinskys Malerei erinnert. Zu ihm hat Gerhard Ausborn eine besondere Verbindung, denn sein Lehrer war einst Schüler des berühmten Bauhäuslers. Inzwischen besitzt er eine Vielzahl von Sammeltassen, Dosen und Vasen. Und er konnte einen ganz besonderen Coup landen, obwohl er sich inzwischen Zurückhaltung beim Erwerb weiterer Stücke auferlegt hat: Auf einem Antikmarkt entdeckte er zufällig ein mehrteiliges Service: Kaffeekanne, Zuckerdose, Milchkännchen, zehn Tassen und Teller. Auf deren Rückseite war vermerkt, dass das Service 1925 mit dem 1. Preis auf der Pariser Ausstellung „Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes“ ausgezeichnet wurde, die namengebenden für den Art déco wurde. Mit einem sehr raffinierten, in der Farbigkeit eher zurückhaltenden Dekor ist es nun in einer der Pfeilerhallen-Vitrinen zu bewundern.

Gerhard Ausborn vor dem 1925 preisgekrönten Service
Foto: S.v Gwinner

Prof. Dr. Peter W. Schatt erhielt sein erstes Stück als Geschenk seiner Frau, dem noch viele folgten. Mit großer Leidenschaft konzentriert er sich seit circa 30 Jahren ausschließlich auf das Sammeln von Dosen und besitzt heute fast 1.000 Stücke, die er in einem neu gebauten Haus bewahrt. „Sammeln hat auch etwas mit Investitionsbereitschaft zu tun“, sagt er. Seit den frühen 2000er Jahren entdeckt er seine Objekte überwiegend im Internet, forscht dort gezielt und systematisch nach Dosen, die ihm noch fehlen. Doch das vordergründig große Angebot müsse man sorgfältig prüfen, denn der Markt sei praktisch leer gefegt – „wahrscheinlich haben wir schon fast alles!“.

Blick in die Ausstellung „Spitzen des Art déco“
Foto: S.v Gwinner

Für Leipzig wurde eine Auswahl von insgesamt 400 Teilen aus allen drei Sammlungen getroffen. Miriam Heckhoff und Heinz-Jürgen Böhme orientierten sich für ihre äußerst gelungene und inspirierende Präsentation an ästhetischen Gemeinsamkeiten, Korrespondenzen und Kontrapunkten in Form, Farbe und Motivik. So entspinnen sich lebendige Zwiegespräche aus dem Miteinander der Objektgruppen und Vitrinen-Inhalte. Und schließlich durch den ganzen architektonischen Raum.

Auftaktveranstaltung:
Samstag, 9.11.2019 um 11 Uhr mit einem Vortrag von Prof. Dr. Peter W. Schatt

 

Download-Link zum Faltblatt mit Rahmenprogramm

09.11.2019–11.10.2020  SPITZEN DES ART DÉCO

GRASSI Museum für Angewandte Kunst
Johannisplatz 5 – 11
04103 Leipzig

Öffnungszeiten Di – So, Feiertage 10–18 Uhr