Hintergrund

Adolf Hölzels „Maercklin-Fenster”

Anfang des Jahres 2024 wurde im Bereich der Kunst der 1930er Jahre in der Ständigen Ausstellung im GRASSI Museum für Angewandte Kunst, Adolf Hölzels „Maercklin-Fenster“ installiert. Das ausgestellte Fenster besteht aus zehn Einzelsegmenten, die ein eindrucksvolles, farbig bewegtes Ensemble bilden. Es zählt zu den letzten Werken des Künstlers Adolf Hölzel, einem Pionier der abstrakten Kunst in Deutschland, der sich intensiv mit den Gesetzmäßigkeiten des Bildaufbaus und der Farbtheorie auseinandersetzte. Durch die Vermittlung seiner Schüler wie etwa Johannes Itten, Ludwig Hirschfeld-Mack und Oskar Schlemmer fanden diese Lehren auch Eingang in den Unterricht am Bauhaus.

Installation Maercklin-Fenster im GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig in Januar 2024 | Foto: Esther Hoyer

Das „Maercklin-Fenster“ vereint die Summe seiner Erfahrungen auf dem Gebiet der Glasmalerei. Die Idee einer musik-analogen Gestaltung, die durch Linienrhythmus und Farbklänge geprägt ist, findet hier einen Höhepunkt. Insbesondere seine Meisterschaft als Kolorist, stellte Hölzel in diesem Werk unter Beweis. Er selbst formulierte es so: „Das Flimmern der Glasstücke und ihre harmonische Ordnung ergibt den Reiz der Glasfenster. Dieser ist Grundgedanke und Grundlage für die Glasfensterkomposition. Wie ja überhaupt bei aller Kunst die Wirksamkeit und richtige Ausnutzung der zur Verfügung stehenden Mittel wesentlich ist.“*

Hölzel-Fenster im Maercklin-Haus Stuttgart 60ger Jahre

Im Jahr 1914, also erst im Alter von 62 Jahren, erhält Adolf Hölzel den ersten Auftrag für die Ausführung von Glasfenstern. Sie sind für den Konferenzsaal der Bahlsen-Werke in Hannover bestimmt. Im Zeitraum zwischen 1928–1929 folgen drei Glasfenster für das Treppenhaus des Stuttgarter Rathauses. Darauf hin stellt er 1932–1933 den achtteiligen Fensterzyklus für den Sitzungssaal der Pelikan-Werke in Hannover fertig, der aus insgesamt 112 gleich großen Einzelscheiben besteht – die Originale wurden leider im Zweiten Weltkrieg zerstört. Schließlich beauftragt ihn der Juniorchef des Stuttgarter Geschäftshaus J. F. Maercklin, Erich Schurr, mit der Gestaltung eines großen Fensters für das Treppenhaus des Hauses für gehobene Tischkultur.. Die Fertigstellung und den Einbau der Scheiben durfte Adolf Hölzel jedoch nicht mehr erleben.

Installation Maercklin-Fenster im GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig in Januar 2024 | Foto: Esther Hoyer

Erich Schurr war nicht nur Geschäftsmann, sondern auch leidenschaftlicher Sammler moderner Kunst und darüber hinaus selbst ein beachteter Maler und Grafiker. Die Leipziger Galerie am Nikolaikirchhof stellt bis zum 20. April 2024 Werke Schurrs aus. Er sorgte 1941 für die Auslagerung von Hölzels Nachlass aus Stuttgart aufs Land, da Bombenangriffe zu befürchten waren.
Seine Tochter, Dr. Ursula Reinhardt, hat nun großzügiger Weise das Fenster Hölzels, welches seit seiner Fertigstellung im Besitz der Familie Schur verblieb, dem GRASSI Museum für Angewandte Kunst gestiftet
: “Was mich bewogen hat, diese Glasmalerei aus unserer Firma J. F. Maercklin in Stuttgart an das GRASSI Museum Leipzig zu stiften, ist die außergewöhnliche Sammlung dieses Hauses im Kunsthandwerk und Design sowie auch in der Glasmalerei. Es ist eines der schönsten Museen in Deutschland, äußerst beliebt und publikumsfreundlich und weit über die Grenzen des Landes bekannt.“

Installation Maercklin-Fenster im GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig in Januar 2024 | Foto: Esther Hoyer

Das „Maercklin-Fenster“ besteht aus zehn Einzelscheiben, die in ein Raster aus grau getönten Glasrechtecken eingefügt wurden. Im Kontrast zu der streng geometrischen Gliederung stehen die freien, organischen Kompositionen, eine zentrale Kreisform um die sich größere Segmente gruppieren, die auch als menschliche Figur interpretiert werden können. Seit 1908 variierte Adolf Hölzel häufig das biblische Motiv der „Anbetung“. Die Forschung zu seinem Werk geht davon aus, dass dieses biblische Motiv nicht im Sinne einer Religiosität des Künstlers zu verstehen ist. Man vermutet, dass Hölzel das Motiv als idealen Ausgangspunkt für seine theoretischen und malerischen Überlegungen erschien, deren Ziel die Abstraktion war. Er löste die Figurengruppe immer wieder in ornamentale Formen auf, so wie wir er es schließlich auch an seinen vier Glasfensterentwürfen beobachten können. Allen diesen, im profanen Kontext stehenden Fenstern, ist das Motiv der Anbetung mehr oder minder eingeschrieben, mannigfach aufgelöst und der lichtvollen Durchleuchtung in
den Dienst gestellt.*

Installation Maercklin-Fenster im GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig in Januar 2024 | Foto: Esther Hoyer
“Maercklin-Fenster” von Adoll Hölzel in der Ständigen Ausstellung des Grassimuseums

Als Vorlage für die Glasfenstergestaltung malte Adolf Hölzel Pastelle, in denen die schwungvoll kreisenden Linien besonders auffallen. Neun dieser vorbereitenden Pastelle für das „Maercklin-Fenster“ sind in Privatbesitz erhalten. Da sie unter idealen konservatorischen Bedingungen aufbewahrt wurden und nur wenig dem Licht ausgesetzt waren, bestechen sie auch heute noch durch ihre erstaunliche Farbintensität. Diese Pastelle, die den Schritt vom Entwurf zur Realisierung auf so eindrückliche Weise dokumentieren, wären eine ideale Ergänzung zu dem einmaligen „Maercklin-Fenster“ im GRASSI Museum für Angewandte Kunst. Für den Erwerb eines Exemplars wurde bereits ein Sponsor gefunden. Weitere Gönner, die dem Museum den Erwerb der verbliebenen Vorlagen ermöglichen, sind herzlich willkommen.

*Quellen: Ulrich Röthke: Adolf Hölzels „Maercklin-Fenster“ im Kontext seiner Glaskompositionen sowie Texte der Sammlung LBBW