Hintergrund

Culture Clash! Die Kaendler-Pschorn-Vase

Selten begegnen sich Geschichte und Moderne so tatsächlich und direkt wie in der Kaendler-Pschorn-Vase, die seit Anfang Dezember 2017 Teil der Ständigen Sammlung im GRASSI Museum für Angewandte Kunst ist. Direktor Dr. Olaf Thormann initiierte diese spannende Begegnung der aktuell so gefeierten, jungen Keramik-Künstlerin Sarah Pschorn mit dem Werk des großen Johann Joachim Kaendler aus Meißen, dem genialen Schöpfer der europäischen Porzellanfigur im 18. Jahrhundert.

Das große Talent des Hofbildhauers Johann Joachim Kaendlers blühte an der Porzellan-Manufaktur in Meißen auf, wo er 1731 zum Modellierer berufen, dann Modellmeister, Leiter der plastischen Abteilung und schließlich 1749 zum Hofkommissar ernannt wurde. Er erfand Maß, Form und Typ der als Tafeldekoration und „Kabinettstück“ zu verwendenden Einzelfiguren und Gruppen, plastisch reich verzierter Gefäße und Geschirre. Sein Beispiel prägte die Objektkultur der folgenden Jahrhunderte.

aus: Dieter Gielke – Meissen-Bestandskatalog des GRASSI MAK, Leipzig

Für die Sammlung des GRASSI Museums wurden 1898 in der Leipziger Kunsthandlung F. F. Jost zwei von Johann Joachim Kaendler gestaltete Prunkvasen aus glasiertem Porzellan von 1735 erworben. „Meißner Porzellan-Vase, weiß, mit vergoldeter Bronzemontierung. Reicher plastischer Schmuck: die in Voluten ansetzenden Henkel mit weiblichen Halbfiguren, als Bekrönung ein Blumenstrauß, am Körper Masken, Kartuschen, Girlanden in Relief,“ lautet der Originaleintrag im Inventarbuch der Sammlung. Im Zweiten Weltkrieg wurden auch die Prunkvasen ausgelagert. Doch das Unglück ihrer Zerstörung ereilte sie erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges an ihrem Auslagerungsort Nischwitz in Sachsen. Nur wenige Teilstücke und die beiden Deckel, mit je einem Blumenstrauß, blieben erhalten. Die Gesamthöhe der Vasen betrug jeweils 104 cm.

Die Kunstwerke von Sarah Pschorn reflektieren ihre Begeisterung für Gefäßobjekte. Von deren Vielfalt lässt sie sich für ihre Kompositionen inspirieren. Aus der Zusammenstellung verschiedener Formen, möglichst direkter Abgüsse und nicht nur Zitaten, schafft sie eigenwillige Gefäß-Kompositionen. Ihre künstlerisches Vorgehen löst vorhandene Objekte aus ihrer ursprünglichen Bestimmung, überformt und interpretiert sie neu. Sie nimmt sich alle Freiheit, Materialien und Stile miteinander zu konfrontieren, zu verbinden, zu mischen und oft auch Entstehungsspuren und Zufälle zum Teil ihres Werkes zu machen. Für ihre kraftvoll und überzeugenden künstlerischen Statements, ihre überraschend monumentalen Arbeiten, wurde sie in jüngster Vergangenheit vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Grassipreis der Goerdelerstiftung.

Mit dem Auftrag, dem zurück gebliebenen Deckel einer Kaendler-Vase wieder eine Bühne zu bieten, dem historischen Stück eine moderne Antwort zu geben, konnte kaum jemand Treffenderes aufgefordert werden als Sarah Pschorn. Sie selbst beschreibt diese Aufgabe nach vollbrachter Tat als „die krasseste Herausforderung“ der sie sich bisher gegenüber gestellt sah, „gleich einer Urgewalt, einer Wanderung durch ’s Gebirge!“

Sie baute einen Prototypen aus Styropor und Bauschaum, indem sie die Bewegung und Dynamik des barocken Vorbildes einzufangen suchte. Auch einen erhaltener Originalkopf von der Ursprungsvase modellierte sie in ihr Modell. Dieses formte sie in einer gigantischen Gipsform ab. Unterstützt durch die Erfahrung und tätige Mithilfe ihres Leipziger Kollegen Hannes Uhlenhaut wurde es möglich, den Porzellanguss in der von 6 Spanngurten und 2 Schraubzwingen zusammen gehaltenen Form in einem Gießvorgang zu realisieren. Um möglichst genau den Farbton des Porzellandeckels zu treffen mischte sie 200 Gramm Kobaltblau in die Gießmasse – eine Schätzung der sie keine Proben voraus schicken konnte – und die ihr dennoch gelang.

Die Neuinterpretation der Kaendler-Vase, in Duktus und Bewegung an die historische Form angelehnt, blieb unglasiert – im spannenden Kontrast zum schimmernden Glanz des historischen Deckels. So beschreibt diese vollendete Begegnung der historischen und modernen Auffassung auch die facettenreiche Vielfalt des Porzellans als Material. Stehen gelassene Gußnähte dokumentieren die Geschichte des Herstellungsprozesses.

Zu Johann Joachim Kaendler’s Zeiten galt makellose Perfektion, realistische Darstellung und eine bewegende Dramaturgie der Inszenierung als das Non­plus­ul­t­ra – heute begeistert uns die inspirierende Kraft der Abstraktion, das formale Zitat, die Spur des Werdens, die materielle Präsenz als gelungenes Fazit der Geschichte der Kaendler-Vase.

Abbildungen: J.J. Kaendler | Jakob Adolphi | Sarah Pschorn