Hintergrund

Hermann Naumann & Helga Luzens – die Kunst der Gabe

Auffallende Neuzugänge begegnen den Besucher*innen der Ständigen Sammlung „ Jugendstil bis Gegenwart“ im GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig, und weisen auf die besondere Schenkung eines interessanten Künstlers hin:

Hermann Naumann, Stehender Akt, Dresden 1970, Gips, vergoldet | Foto: SvGwinner

Ein „Stehender Akt“ aus vergoldetem Gips aus dem Jahr 1970, das dynamisch-expressive große Bildformat „Fühler im Raum“ von 1971 und der Zementguss „Großer Vogel“ aus dem Jahr 1953. Nur die Spitze des Eisbergs! Direktor Dr. Olaf Thormann schwärmt davon, wie spannend es sei, anhand des umfassenden Œuvre eines Künstlers dessen Entwicklung über Jahrzehnte hinweg nachvollziehen zu können. Im GRASSI wird dies nun durch die Großzügigkeit von Hermann Naumann (*1930), dem renommierten Bildhauer, Maler, Zeichner und Grafiker, und seiner Frau Helga Luzens ermöglicht. Beide übergeben seit circa drei Jahren Zug um Zug Werke des Künstlers als großzügige Schenkungen.

Hermann Naumann, “Großer Vogel” | Foto: SvGwinner

1945 begann Hermann Naumann eine Ausbildung zum Steinmetz und studierte von 1947 bis 1949 Bildhauerei bei Herbert Volwahsen. Im Künstlerhaus Dresden-Loschwitz war er ab 1950 freischaffend fast ein halbes Jahrhundert tätig. Hier entwickelte er sich, vielseitig inspiriert und grenzüberschreitend, auch als Zeichner, Maler und Grafiker, als der er große Anerkennung erfuhr. Der Bildhauer litt unter materiellen Einschränkungen, sodass viele seiner Werke lange nicht in Bronze gegossen werden konnten und daher stattdessen als mit Graphit eingefärbte Originalgipse die Zeiten überdauerten. In der jüngeren Vergangenheit wurden schließlich doch kostbare Bronzegüsse realisiert.

Hermann Naumann, Illustration als Punzenstich | Foto: SvGwinner

Bekannt wurde Hermann Naumann vor allem als Grafiker, als einer der ersten Illustratoren von Kafka zum Beispiel. Seine grafischen Suiten erschienen in beiden deutschen Staaten, u. a. bei Philipp Reclam jun. in Leipzig und bei Claassen in Düsseldorf. Nach der Wende verlegte der gesamtdeutsch agierende Verlag Faber & Faber in Berlin bzw. Leipzig zahlreiche Arbeiten Hermann Naumanns. All dies begründete seine Reputation als äußerst versierten Punzenstecher und Lithograph, als Spezialist der Algraphie und des Holzschnitts – ein Allrounder, der sich gestalterisch wie technisch flexibel ausprobierte. Der sich nicht so recht einordnen ließ und eher außerhalb der Dresdner Künstlerkreise stand.

Betrachtung der grafischen Mappenwerke von Hermann Naumann | Foto: SvGwinner

Er war empfänglich für die Inspirationen aus seinem Umfeld, die ihn zu abstrakten wie auch figurativen, konstruktiven Auffassungen in seinem eigenen Œuvre führten. Und zu einer überwiegend gegenständlichen Erzählsprache in seiner Druckgrafik, die ja aus der Korrspondenz mit Literatur, sowohl mit Prosa als auch Lyrik, entstand.

Hermann Naumannn “Stillleben” Probedruck | Foto: SvGwinner

Mit seiner Frau Helga Luzens lebt Hermann Naumann seit 1994 im „Künstlerhaus Hofmannsches Gut“ in Dittersbach bei Dresden, in dem er sein großzügiges Atelier etablierte. Mit Ausstellungen, Konzerten und Lesungen in der Regie von Helga Luzens wurde hier in den letzten Jahrzehnten auch ein lebendiger Ort der Kultur geschaffen. Olaf Thormann fährt hin und wieder dorthin, besucht den auch mit 90 Jahren noch aktiven Künstler. Meist kehrt er mit kostbaren Konvoluten seines Schaffens wie seines Sammelns zurück.

Foto-Portrait des Künstlers Pan Walther | Foto: SvGwinner

Auch mit Stücken der Sammlung seines künstlerischen Umfeldes sowie seiner Frau, die sich besonders der Fotografie und Keramik verschrieben hat. Mit Schenkungen an das GRASSI Museum für Angewandte Kunst in Leipzig, die einen kreativen Kosmos der vergangenen sieben Dekaden dokumentieren, dessen Vielfalt und Qualität einzigartig ist. Teile davon werden uns in Zukunft sicher immer wieder in Sonder- und Dauerausstellungen und Präsentationen des Museums begegnen.

GRASSI Museum für Angewandte Kunst
Johannisplatz 5–11
04103 Leipzig

Dienstag–Sonntag, Feiertage: 10–18 Uhr
Montags geschlossen
Freier Eintritt an jedem ersten Mittwoch im Monat