Ausstellung

Klee, Sensorik und ganz viel Stickerei …

… so betiteln die Textildesign-Studierenden der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle ihren Beitrag zur aktuellen Ausstellung „History in Fashion – Stickerei in Mode“ im GRASSI Museum für Angewandte Kunst. Im Rahmen eines Semesterprojekts, betreut durch Prof. Bettina Goettke-Krogmann und Julia Kortus M.A., fügten sie der „History“ die Gegenwart, ach was, den Blick in die Zukunft der Stickerei hinzu. Schon das Konzept des historischen Ausstellungsteils verdeutlicht eindrucksvoll, dass das Sticken immer auch eine persönliche Handschrift hat, individuelle Anliegen und Geschichten beinhaltet. Die Wahl der Mittel, die Motive, die Hingabe und der größere Zusammenhang offenbaren weit mehr als nur reine Dekorativität und modische Tendenzen.

Aufbau der Ausstellung in der sog. Orangerie des Grassimuseums / Foto: Schnuppe von Gwinner

Bei einem Besuch im Depot des Grassimuseums konnten die Projekteilnehmer/-innen die zukünftigen Exponate der Ausstellung „History in Fashion“ kennenlernen, die ihnen von der Kuratorin Dr. Stefanie Seeberg erklärt wurden. „In allen Stücken wurde das Thema der „Einschreibung“, der persönlichen Geschichte eines jeden Stückes deutlich sichtbar. Diese „Einschreibung“ sollte auch als Leitthema – neben der Arbeit für den Körper – für die sehr persönlichen Projekte der Studierenden dienen“ (B. Goettke-Krogmann)

Die historischen Artefakte veranlassten die Auseinandersetzung und die Frage, wie man heute mit Stickerei umgehen könnte. Dort die Stickerei als modisches Detail – hier das Textildesign. Den Raum dazwischen erforschten die Studierenden aus ihrer sehr persönlichen, zeitgeistigen Perspektive – zuerst in den Bewegungen des Körpers, einzelner Körperteile und schließlich entdeckten sie damit die Fülle der Optionen von Stickerei, des Sinnlichen, des Funktionalen und des Schmückenden. Ihre individuellen Sichtweisen begründen die große Unterschiedlichkeit der Ergebnisse. Die, in geradezu künstlerischer Freiheit, dem Individuellen, oft Intimen der Kreationen Ausdruck verleiht.

Aufbau der Ausstellung “History in Fashion”/ Foto: Schnuppe von Gwinner

Zur Vorbereitung entstand in Zusammenarbeit mit Sylvia Werner (Oper Halle) und Emma Thompson (Ballett Rossa, Halle) und Julia Kortus ein Workshop zum Thema Körper, Bewegung und Körperwahrnehmung. In einem einwöchigen Kurs führte die Textildesignerin Magdalena Orland die Gruppe der Studierenden in unterschiedlichste Handstick-Methoden ein. Der Textilexperte Reiner Knochel vermittelte in seinem Workshop einen Überblick über Techniken und Materialien. Zur Halbzeit diskutierten er und Dr. Stefanie Seeberg bei der Zwischenpräsentation die Ideen, Konzepte und Experimente in Hand- sowie Maschinenstickerei der Studierenden.

Aufbau der Ausstellung / Foto: Schnuppe von Gwinner

Die nun gezeigten Ergebnisse in der Ausstellung verblüffen. Man sieht ihnen an, dass die Prozesse des Handstickens, der handgeführten Maschinenstickerei und des Nähens von den meisten Textildesignern/-innen als ein sehr intuitiver, sinnlicher Prozess erfahren und genossen wurde. Die Möglichkeiten, Materialien, Farben, Strukturen und Effekte einzusetzen, sind gleichzeitig grenzenlos und doch sehr präzise für jedes der verhandelten Themen ausgewählt und eingesetzt worden. Die Mehrdimensionalität des Textilen prägt die Arbeiten ganz besonders und fasziniert, gleich ob es z. B. das Spiel mit der Tarnung, das schicksalhaft Erzählerische von Handlinien, das dekorative Experiment mit Kontraktion und Flexibilität, die Interpretation künstlicher Körperoptimierung, die erstaunliche Transformation von Körperhaaren oder die Beschäftigung mit fließenden Identitäten betrifft.

Aufbau der Ausstellung / Foto: Schnuppe von Gwinner

Anschauliche Dokumentationen zeigen die Entwicklungsschritte der einzelnen Studienprojekte – jedes für sich offenbart eine ganz eigene Welt voller ernsthafter inhaltlicher, technischer, gestalterischer Auseinandersetzung als bereichernde Anregung und Inspiration für die Besucher und Betrachter. Diese Wiederbelebung, oder vielleicht besser Neubetrachtung, von Stickerei schärft die Sinne für Phänomene der Gegenwart und Zukunft, die ihr eingeschrieben sind.

GRASSI Museum für Angewandte Kunst
Johannisplatz 5–11
04103 Leipzig

Öffnungszeiten: Di–So, Feiertage: 10–18 Uhr
Mo und am 24.12. und 31.12. geschlossen
Freier Eintritt an jedem ersten Mittwoch im Monat

Rahmenprogramm: https://www.grassimak.de/museum/sonderausstellungen/history-in-fashion/