Hintergrund

Mehr als „des Väsle a Märkla“

Am 6. November 1880 wurde der Schriftsteller Robert Musil in Klagenfurt am Wörthersee geboren. Zufällig an seinem 143. Geburtstag, am 06.11.2023, traf sich unser Filmteam mit dem Ehepaar Dr. Claus und Maria Pese in der Ausstellung „Beflügelndes Fieber“. Ihr Titel geht auf ein Zitat von Robert Musil zurück, der treffend die Zeit der Jahrhundertwende beschreibt, in der sich plötzlich dieses „Fieber“ als Jugendstil, Art Nouveau und Art Déco in ganz Europa ausbreitet und einem Zeitenwandel Gestalt gibt. Diesem Phänomen eines vielfältig ausgebildeten Reformstils, der sich über Regionen und Länder hinweg nur in seiner Distanzierung vom Historismus einig war und sich daher sehr unterschiedlich darstellt. Viele der rund 350 Exponate, die für die kommenden Monate in den Vitrinen der expressionistischen Pfeilerhalle des GRASSI Museums für Angewandte Kunst in Leipzig präsentiert werden, stammen aus der Sammlung des Ehepaars Pese. Diese kam zuerst als Leihgabe ins Haus und wurde ihm 2020 als Schenkung übereignet.

Dr. Claus und Maria Pese in der Ausstellung | Foto: SvGwinner

Indem wir auf unserer Motivsuche so zwischen den Pfeilern und Vitrinen hin und her spazieren, rücken immer neue Objekte in den Fokus und inspirieren das Sammlerpaar zur Preisgabe erstaunlicher Anekdoten und Geschichten. Schon zum Beginn der 70er Jahre entschied sich das damals junge Paar, sich mit dem Jugendstil zu beschäftigen und entsprechende Objekte des frühen 20. Jahrhunderts gezielt zu sammeln. Eine ihrer ersten Erwerbungen, eine Zigarettendose mit der Markenbezeichnung ISIS-OSIRIS der Nürnberger Metallwarenfabrik Walter Scherf und Co. am Boden, die sie anhand eines Artikels in der Zeitschrift „Die Kunst“ identifizierten, wies den Weg zu ihrem Sammlungsgebiet. In seiner Dissertation „Das Nürnberger Kunsthandwerk des Jugendstils“ (1980) beschäftigte sich Claus Pese mit dem Thema und spezialisierte sich dabei auf Werke, Firmen und Persönlichkeiten dieser Zeit aus seiner Heimatstadt Nürnberg. Viele weitere Forschungen und Veröffentlichungen zu Themen des Jugendstils sollten folgen.

Glasvasen mit Glyziniendekor aus der Dr. Claus und Maria Pese Sammlung | Foto: SvGwinner

Das Studium zeitgenössischer Magazine aus der Jahrhundertwende, wie z.B. der „Jugend – Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben“ (1896 bis 1940) verschaffte ihnen viel Erkenntnisgewinn, ebenso wie der Erfahrungsaustausch mit Sammlerkollegen. In den 70er Jahren ließen sich die unerkannten Schätze noch auf Flohmärkten, Haushaltsauflösungen, Auktionen oder in Antiquitätenläden heben. Die große Jugendstil-Jubiläumsausstellung „Ein Dokument Deutscher Kunst“ in Darmstadt 1976/77 – 75 Jahre nach der ersten Ausstellung der Darmstädter Künstlerkolonie – weckte als großartig angelegte Retrospektive eine weitere Kreise ziehende, allgemeine Wertschätzung für diese spannende stilistische Epoche. Auch das Ehepaar Pese wandte sich den Werken des internationalen Jugendstils zu. So lassen sich große Namen und Arbeiten, unter anderem von Emile Gallé, Henry van der Velde, Peter Behrens und Joseph Maria Olbrich sowie bekannter Firmen und Manufakturen wie Johann Lötz Witwe, WMF, Meissen und KPM in ihrer Sammlung finden.

Keramik aus der Dr. Claus und Maria Pese Sammlung | Foto: SvGwinner

In der aktuellen Ausstellung  kann man sehr schön die unterschiedlichen Ausformungen des Jugendstils betrachten und vergleichen. Zum Beispiel zeigen Formen und Dekore von deutschen Keramiken einen eher bodenständigen, folkloristisch-bäuerlichen Einfluss und erinnern an niederländische Fayencen. Ganz im Gegensatz zur elegant fließenden, weichen Eleganz des französischen Art Nouveau. Die ikonografischen Eigenheiten des Jugendstils wirkten sich ganz unterschiedlich auf die Formensprache in den verschiedenen Regionen und Ländern aus. Dennoch wählte die Kuratorin Joana Brauhardt keine streng nationale Gliederung für die Präsentation, sondern inspiriert die Besucher*innen durch eine eher intuitive Auswahl nach Themen, Formen und Materialien, die die Entdeckungsreise wundervoll beflügelt, das persönliche Lieblingsstück unter den Gefäßen, Vasen, Kannen und Accessoires aus Zinn, Buntmetall, Glas und Keramik zu finden.

Ihre Passion und Sammelleidenschaft bescherte dem Sammlerpaar Erfahrungen, zu denen es unter normalen Umständen sicher nicht gekommen wäre. „Glücksmomente“, sagt Maria Pese, „das alles, das erwärmt mein Herz!“ Die Beschäftigung mit den Stücken und das sich daraus ergebende Erleben, die Aufmerksamkeit und die Ereignisse erfüllen sie mit Stolz. Wie zum Beispiel das 20-jährige Bestehen der Partnerschaft Nürnberg-Prag im Jahr 2010, das unter anderem mit einem Konzert der Nürnberger Symphoniker und einer Ausstellung ihrer Jugendstilsammlung aus Nürnberg im prachtvollen Repräsentationshaus der Stadt Prag, dem Jugendstilpalais Obecní dům, gefeiert wurde!

Falke aus der Dr. Claus und Maria Pese Sammlung | Foto: SvGwinner

Manch begehrenswertes Stück steht in der Leipziger Ausstellung, das sie gerne auch in ihrer eigenen Sammlung gehabt hätten, aber doch nicht bekamen. Andere Kostbarkeiten spielte ihnen der Zufall zu, wie den Porzellanfalken, den ein ehemaliger Schulfreund von Claus Pese eines Tages unvermutet an seinem Stand auf dem Flohmarkt in Nürnberg anbot. Diese, von Gerhard Marcks entworfene Figur, stammt aus dem Jahr 1909 – und wurde in den Schwarzburger Werkstätten für Porzellan-Kunst, Unterweißbach, in einer kleinen Auflage aus weißem Porzellan gegossen und dann individuell von unterschiedlichen Porzellanmalern bemalt. Ein schwarzer Falke kam bereits 1909 als Schenkung der Manufaktur ins Leipziger Museum, der helle Falke aus der Schenkung des Ehepaars Pese 2020 passt perfekt dazu.

Übergabe der Sammlung durch Dr. Claus und Maria Pese an Dr.Olaf Thormann und Skadi Jennike – Beigeordnete für Kultur in Leipzig – 2020 | Foto: Fink

Nach rund fünfzig Jahren Sammlerleben hat sich die Sammelleidenschaft etwas gelegt. „Das ist ein Lebensabschnitt“ sagt Claus Pese, den das Paar mit seinen Schenkungen an die Museen in Nürnberg und Leipzig respektabel abgerundet hat. Natürlich gehen sie immer noch gerne auf Ausstellungen und in Antiquitätenläden und durchforsten einschlägige Internetseiten und Publikationen. Doch nur noch ganz besondere Stücke, die in einen konkreten, aus ihrer Sicht noch nicht optimal vervollständigten Zusammenhang gehören, würden sie wieder zum Kauf verführen – und damit zur Vervollständigung der musealen Sammlungen.

Vielleicht aber auch eine vergleichbare Situation wie diese?

Hin und wieder betrieb das Ehepaar Pese auch selbst einen Flohmarktstand um sich von Überflüssigem zu trennen. Eines Tages hatten sie also schon sehr früh ihren Stand fertig aufgebaut und es blieb Maria Pese etwas Zeit vor dem großen Ansturm selbst über den Markt zu bummeln. Sie hatte sich – man weiß ja nie – einen Hundertmarkschein eingesteckt. An einem der benachbarten Stände entdeckte sie unverhofft eine wunderschöne kleine Gallé-Vase zwischen anderen Vasen stehend.

„Was soll denn die Vase kosten?“ fragt sie den Händler. „Des Väsle a Märkla“ antwortet dieser.

„Wie kaufe ich mit dem Hunderter eine Vase für eine Mark?“ fragt sie sich verstört, „eine saudumme Situation!“ Sie schaut sich um und entdeckt einen ihr bekannten Sammler, der sich auch gerade an diesem Stand aufhält. „Oh, guten Morgen!“ spricht sie ihn an: „Könnten Sie mir bitte eine Mark leihen?“

Der das Interview mit dem Sammler-Ehepaar gibt es auf der Museums-Website zu sehen. Die schönen Objekte in der Ausstellung “Beflügelndes Fieber”können noch bis 6. Oktober 2024 entdeckt werden.