Die guten Nachrichten kommen dieses Mal aus der südlichen Hemisphäre. Mitgebracht hat sie die argentinische Journalistin und Kuratorin Luján Camberiere, die sich zeitlebens mit dem Handwerk und Design Südamerikas beschäftigt hat. Ihre beiden Bücher „The Soul of Objects. An Anthropological View of Design“ und „Mastercraft. The Importance of Working with your Hands“ gelten in ganz Iberoamerika als wichtige Standardwerke. Ein drittes Buch zu „Ancestral Design“ ist in Arbeit. Als Kuratorin hat sie Ausstellungen, die immer um ihr Lebensthema, das zeitgenössische Handwerksdesign der lateinamerikanischen Länder kreisen, in die renommiertesten Museen gebracht: vom MAD Museum in New York bis zum V&A Museum in London. Und nun ist sie mit der Ausstellung „The Soul of Objects“ im GRASSI Museum für Angewandte Kunst in Leipzig angekommen. Über 200 Objekte aus 13 südamerikanischen Ländern feiern hier mit ihrer erstaunlichen Vielfalt und inspirierenden Botschaft Europapremiere.
Noch während des Aufbaus darf ich mich mit Luján zu einem Gespräch treffen und frage gleich: Wie kam es dazu?

Luján lebt seit 2020 in Berlin. Dort zeigte sie in ihrem Studio in Berlin-Mitte eine Kollektion von Masken aus ihrem Heimatland. Die ehemalige künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes, Hortensia Völckers, entdeckte diese begeistert. Man kam ins Gespräch und in der Folge ergab sich der Kontakt zu der Kuratorin Sabine Epple. „Ich bin so dankbar, dass das GRASSI Museum für Angewandte Kunst Lateinamerika die Türen geöffnet hat!“ freut sich Luján. Denn für all die Leute, die in Berlin mit Design zu tun haben, war alles was mit südamerikanischer Volkskunst zu tun hatte, nicht so cool. „Dabei ist dies alles von höchster Qualität! Für uns in Lateinamerika repräsentiert diese Ausstellung die Gegenwart, nicht die Vergangenheit.“

Ich hole tief Luft, um das Verständnis der deutschen, wohlbegründeten Designperspektive aus der Bauhaus- und Purismus-Ecke zu erklären – und damit auch die tiefe Sehnsucht, sich von allzu bunt, allzu narrativ, verspielt, barock und so weiter abzuheben. Nicht zuletzt die eben erst abgebaute Ausstellung „Formen der Anpassung“ sorgte diesbezüglich für wertvolle Aufklärung. Und die Folklore der Welt wähnten wir noch bis vor kurzem in den Völkerkundemuseen und ethnologische Sammlungen angemessen bewahrt und gewürdigt. Also ist die iberoamerikanische Handwerkskunst kein Thema für das Design, oder?

Der Wind hat sich gedreht und Luján Camberiere, wir alle, spüren das. Auch hier im Norden, in Europa, in Deutschland. Unser Alltag ist zu jeder Zeit und zu jeder Gelegenheit von Design durchdrungen, zumeist bestimmt durch massenhaftes, funktionales Industriedesign, dem Handwerksdesign nur kleine Nischen überlassend. Die nordischen Traditionen und ihr Einfluss auf das Design haben ihre eigenen Werte und Talente. Es geht jedoch nicht darum, ob etwas besser oder schlechter ist, sondern anders, mit seinen eigenen Qualitäten und Geschichten. Aus der lateinamerikanischen Sicht bedeutet Design ein Planen und Projektieren, in dem alles Teil eines Entwurfs, einer Gestaltung ist. Es umfasst selbstverständlich und von jeher auch die Natur, die Umwelt, das Zusammenleben und Arbeiten, selbst das Metaphysische.

Luján schlägt eine anthropologische Betrachtung des Designs vor: „Die Erkenntnisse, die man daraus gewinnen kann, sind wichtig. Ein Dialog wäre so schön! Wenn ich mit Studierenden spreche und ihnen etwas zeige, finden sie alles toll, sie sind so aufgeschlossen, sie gehören einer anderen Generation an. Sie sagen nicht: ‚Das ist kein Design‘, sondern sie sind offen und lernen dazu. Die jungen Leute sind so dankbar für Input, der von Herzen kommt und eine persönliche emotionale Resonanz hervorruft.“ Sie gerät ins Schwärmen, „Ich habe viele Beispiele für die Seele, die Magie und Aura von Objekten. Ich finde sie in den Geschichten meiner Vorfahren, in Beziehungen, die glücklich machen. Es geht um uns, nicht um die Gegenstände. Indem sie mit Menschen und Religionen verbunden sind, bringen sie Glück, wecken Liebe und können so viel mehr als nur ein Gegenstand sein. Es geht nicht um Geld oder darum, Sofas in Mailand zu kaufen, sondern darum, eine Blume in einen Topf zu pflanzen. Die Menschen erkennen heute in ihrem Job und ihrem Leben oft keine Seele mehr. Die jungen Menschen müssen das wieder lernen, sie müssen nach ihren persönlichen Werten suchen. Wir müssen das Wissen um Know-how und Fertigkeiten stärken. Wenn man mit den Händen und der Seele arbeitet, ist man mit anderen Menschen verbunden.“

Doch es gibt ihrer Meinung nach noch einen weiteren Unterschied zum Rest der Welt: „die Vorstellungskraft als Werkzeug zu nutzen, die Wiederverwendung von Rohstoffen und bewusster Konsum lassen ein neues Paradigma im Design entstehen und Lateinamerika darin zum Vorreiter werden. In der Ausstellung können wir Pioniere kennenlernen, Experten, die seit Jahrzehnten in Gemeinschaften kreativ zusammenarbeiten. Mit nachhaltigen natürlichen Materialien bringen sie ihre Identität in den Objekten oder in allgemeinen Gemeinschaftsprojekten zum Ausdruck. So zu arbeiten ist also überhaupt nichts Neues, nur die Akzeptanz und die Vermarktung der Ergebnisse ist eine andere. Handwerksdesign verbindet sich mit fairem Handel und Rücksichtnahme auf die Umwelt. Die Rolle der Designer und die Rahmenbedingungen wandeln sich, der Süden ist der neue Norden.“

Luján Cambariere verweist auf ein Beispiel in der Ausstellung, die Tiermasken im ersten Raum: „sie wurden nicht ausgewählt, weil ich sie mag oder wegen der Farbe oder der Prominenz des Künstlers, der sie schuf. Für mich zeigen die Tiere unsere Perspektive, sie verkörpern unsere Idee, unser Konzept. Der Künstler nimmt das Holz, schnitzt es und die geschnitzten Figuren, Tiere, sehen so natürlich aus, dass sie mehr sind als nur Tiermasken. Wir nennen sie ‚Cambia Forma‘, sie verändern ihre Form, denn in Südamerika, wo wir leben, ist es ganz normal, dass jeder ein Krafttier mit magischen Fähigkeiten hat, ähnlich wie beim Horoskop, Krebs oder Löwe oder was auch immer. Man träumt von diesem Tier, wenn man geboren wird und es ist unser Glaube, der in dem Objekt steckt.“
Viel könne der Norden von den Südamerikanern lernen. „Das ist mein Traum“, sagt Luján, „nicht im Wettbewerb, sondern im Dialog.“

Die Herangehensweise der Europäer*innen an südamerikanisches Kunsthandwerk war stets von dem Eindruck geprägt, es handele sich um Folklore, super-hippiehaft. Das Geheimnisvolle der spirituellen Hintergründe ist für Außenstehende schwer zu durchschauen. Es entspricht nicht der europäischen Art des Designs, dessen Fokus, mehr als in Südamerika, darauf liegt, die Dinge zeitgemäß und funktional zu gestalten. Und darüber hinaus gibt es hier im Norden die starke Tendenz, Alltagsgegenstände nicht nur in Bezug auf Funktionalität und Ästhetik aufzuwerten, sondern vor allem in Bezug auf ihren ökonomischen Wert. Design wird zu einem Mittel der Unterscheidung. Wer sich den Luxus teurer Designmarken leisten kann und wer nur die Replik, die billige Version? Aus soziokultureller Perspektive hat dieser ökonomische Aspekt auf das nordisch geprägte Design grundlegende Bedeutung.
„Iberoamerikanisches Design folgt einem völlig anderen Konzept,“ kontert Luján. „Dein Know-how offenbart dein Innerstes als Mensch! In so vielen dieser Projekte kommt es darauf an, dass die Menschen miteinander kommunizieren, und dann kommt noch hinzu, dass sie verkaufen müssen, um Geld zu verdienen, aber an erster Stelle steht die Liebe zur Arbeit. Ein weiterer wichtiger Punkt für uns ist auch das Gespräch über Kunst und Realität. Aus meiner Sicht ist die Realität wie eine väterliche Art des Verstehens, natürlich der Kunst. Warum also müssen wir Lateinamerikaner an europäischen Kunststandards gemessen werden?“

In diesen Zeiten ist diese wundervolle Ausstellung südamerikanischen Designs ein wahres Geschenk. Die Künstler*innen haben aus eigenen Mitteln ermöglicht, mit ihrem Werk in Leipzig präsent zu sein. Die Meisten waren auch zur Eröffnung angereist, ein unmissverständliches Zeichen dafür, wie sehr ihnen an einem Austausch auf Augenhöhe liegt. Die besondere Magie und Aura südamerikanischen Handwerksdesigns, seiner Farben, Formen, Materialien und Techniken, setzen das Thema. Es gibt viel zu entdecken, zu lernen und zu bewundern!
Die Ausstellung „The Soul of Objects“ wird von einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm begleitet.