Alljährlich gilt die GRASSIMESSE im GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig vielen kunst- und kulturverbundenen Menschen als Highlight des Jahres. Mit ihrer Wiederaufnahme 1997 bezog sich das Museum auf die 1920 vom damaligen Direktor des Kunstgewerbemuseums Richard Graul begründete und bis 1941international renommierte GRASSIMESSE. „Durch die Einführung eines strengen Juryprinzips der damaligen Museumsleitung wurde die GRASSIMESSE innerhalb kürzester Zeit zu einem europaweit anerkannten Forum für die Kunstgewerbe-Elite.“ Auch heute vermittelt eine gewissenhafte Jurierung der Bewerbungen die besondere Wertschätzung der zur Teilnahme zugelassenen Künstler, Designer und ihrer Werke.
Die Ausschreibung zur GRASSIMESSE startet im Februar jeden Jahres mit einer Frist zum Ende Mai. Vorher, gleich zu Jahresbeginn, beruft die Kuratorin Sammlungen Moderne, Sabine Epple, im Einvernehmen mit Direktor Dr.Olaf Thormann und Anett Lamprecht, Leiterin Kommunikation und stellv. Direktorin, dieses mal fünf Jurymitglieder für das laufende Jahr. Die alljährlich wechselnde Besetzung der Jury erlaubt frische Perspektiven und kann wiederkehrende Trends oder etablierte Muster aufbrechen. Für ein ausgewogenes Maß an Kontinuum, vor dem Hintergrund gemachter Erfahrungen und der Geschichte der Messe, sorgt das genannte Museumsteam als Teil der Jury. Die Auswahl der Juroren und Jurorinnen bringt immer wieder ein hohes Maß an breiter Expertise aus allen Bereichen der Gestaltung, des Handwerks, der Bildung, der Kultur und Kommunikation zusammen.
Die Jury 2026 traf sich am 11. und 12. Juni zu ihrer konstituierenden Sitzung und zur Auswahl der circa 70 Aussteller aus 288 Bewerbungen zur GRASSIMESSE, die vom 23. bis 25.Oktober 2026 stattfindet. Sie wird sich am 22.Oktober erneut zusammenfinden, um im Rahmen eines Messerundgangs vor der Eröffnung die acht Preisträger und Preisträgerinnen wertvoller Auszeichnungen zu bestimmen. Diese Vielzahl an generös dotierten Anerkennungen ist einzigartig und dokumentiert die tiefe Verbundenheit der GRASSIMESSE und seines Museums mit einem starken Netzwerk an öffentlichen wie privaten Unterstützern und Förderern. Der Jury kommt also eine wirklich verantwortungsvolle Aufgabe zu.
Die Jurymitglieder des Jahres 2026:

Malte Guttek ist seit dem 1.1.2024 Geschäftsführer der Gesellschaft für Goldschmiedekunst e.V. und der Leiter des Deutschen Goldschmiedehauses Hanau. Als künstlerischer Leiter betreut er langfristig den Nachlass des Bildhauers Heinz Breloh. Nach einem wissenschaftlichen Volontariat am Kolumba-Kunstmuseum des Erzbistums Köln arbeitete er als freier Kurator für verschiedene Ausstellungsprojekte. In seiner aktuellen Leitungsfunktion fällt ihm die Verantwortung vieler Aufgaben zu, nicht zuletzt die Veranstaltung einiger, für den Sektor bedeutender Wettbewerbe und Ausstellungsprojekte.
Als Juror waren ihm viele der aktuellen Bewerber im Bereich Schmuck & Gerät bekannt. Auf meine Frage, ob er unter diesen neue Impulse erkennen könne, verwies er zuerst auf das aktuell zunehmend positive Interesse für die Ausbildung zum Schmuckgestalter. Doch neben der handwerklichen Ausbildung scheinen ihm vor allem mehr gestalterisch-konzeptionelle Fragen an Bedeutung zu gewinnen, Neuerungen, die sich mit untypischen Materialien befassen, mit unedlen Metallen, Farbigkeit und Effekten auf Flächen. Unter den Bewerbungen sieht er ein hohes Qualitätsniveau mit künstlerischem Anliegen, gewünscht hätte er sich noch mehr Arbeiten mit hohem, klassisch-handwerklichen Anspruch.

Elke Hannemann ist Senior Director der Galerie EIGEN+ART und leitet den Leipziger Standort. Sie gehört seit 1993 dem Leitungsteam dieser, einer der erfolgreichsten deutschen Galerien für zeitgenössische Kunst in den Medien Malerei, Film und Video, Fotografie, Installation, Skulptur, Konzeptkunst und Performance, an.
Ihr stellte ich die Frage, ob sich Konditionen, die für die freien bildenden Künste im Kunstmarkt gelten, auch auf Unikatdesign oder Objektkunst, wie sie auf der GRASSIMESSE präsentiert wird, übertragen lassen? Anders herum! Sie entdeckte unter den Bewerbungen Positionen freier Kunst die sich mit Keramik für die GRASSMESSE bewerben, Handwerkskünstler, die auf einem so hohen Level arbeiten, dass sie nicht weit weg von der Kunst sind, indem sie Objekte mit einem starken künstlerischen Anspruch schaffen. Eine Tendenz, die sie generell auch für die zeitgenössische Glas- und Textilkunst beobachtet und die die Grenzen verwischen lässt. Als am weitesten entfernt von Überschneidungen mit der Kunst empfindet sie Möbel und Mode.

Dr. Anika Reineke ist seit Dezember 2022 Kuratorin der Textil- und Kunstgewerbesammlung und Leiterin des Henry van de Velde Museums der Kunstsammlungen Chemnitz. Sie promovierte 2017 zum Thema „Der Stoff der Räume. Textile Raumkonzepte im französischen Interieur des 18. Jahrhunderts“. Stipendien führten sie währenddessen nach Paris, Lyon. Ab 2016 war sie u.a. als Wissenschaftliche Mitarbeiterin bei den Staatlichen Museen zu Berlin im Change Management am Reformprozess der Stiftung Preußischer Kulturbesitz beteiligt. Im Kontext „Chemnitz als Kulturhauptstadt 2025 trat sie als Kuratorin der Ausstellung „Reform of Life & Henry van de Velde mittendrin“ hervor.
Ich fragte sie, ob ihr täglicher Umgang mit den Ikonen des Designs aus dem frühen 20.Jahrhundert vielleicht ihren Blick für das Potential wohlmöglicher Ikonen des 21.Jahrhunderts unter den Messebewerbungen geschärft hätte? Sie weist darauf hin, dass auch Henry van de Velde mal klein angefangen habe. Doch er betrachtete das Kunsthandwerk als entscheidendes Zukunftsmodell, um Kunst und Industrie zu versöhnen. Er wollte durch zweckmäßige und formschöne Gebrauchsgegenstände die Lebensqualität für viele verbessern und plädierte daher für die Zusammenarbeit von Handwerkern, Künstlern und Fabrikanten. Natürlich können auch zeitgenössische Kunsthandwerker ihre Entwürfe aus der Nische heraus zu einer Marke entwickeln und für Überraschungen sorgen.

Der Designer, Gründungsdekan und Professor an der Fakultät für Design und Künste an der Freien Universität Bozen (I), Kuno Prey, war bereits 2016 Jurymitglied der GRASSIMESSE und auch mehrfach mit seinen Studierenden als Aussteller in Leipzig. Als unabhängiger Produktdesigner realisierte er zahlreiche Projekte. Viele davon wurden ausgezeichnet und verschafften ihm internationale Bekanntheit. 1993 bis 2002 war er Professor für Produktdesign an der Bauhaus-Universität Weimar, an der von Lucius Burckhardt neu gegründeten Fakultät Gestaltung. Mit der Rückkehr in seine Heimat Südtirol übernahm er die Aufgabe, dort eine Fakultät für Design und Künste zu gründen. Er widmet sich der Lehre sowie der Forschung für und mit der Industrie und dem Handwerk im Bereich der Anwendung und des Transfers innovativer Materialien und Technologien, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf ökosozialen Aspekten liegt. Darüber hinaus erprobt er kontinuierlich neue Strategien zur Vermittlung und Verbreitung von Design seiner Studierenden.
Ob ihn Vorschläge aus dem Bewerberkreis zur GRASSIMESSE in puncto Innovation beeindrucken konnten, frage ich ihn. Solides Handwerkskönnen mit dem Fokus auf Ästhetik und Funktionalität hat ihn vor allem gefallen. Auch das Lernen im Austausch mit den anderen Jurymitgliedern, beispielsweise zum Verständnis der verschiedenen keramischen Techniken oder die Bewerbungen gemeinsam zu betrachten und darüber zu sprechen, was da draussen passiert, wie die jungen Gestalter und KunsthandwerkerInnen heute arbeiten.

Steffi Auffenbauer ist seit 2021 Projektkoordinatorin im Team von KREATIVES SACHSEN. Als künstlerische Mitarbeiterin in der Studienrichtung Keramik- und Glasdesign an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle wirkte Steffi Auffenbauer nach ihrem Studium dort selbst von 2012 bis 2018 und dann 2018/19 als Kuratorin der Ausstellung „DesignLab – Porzellanvisionen der Studierenden heute“ im PORZELLANIKON – Staatliches Museum für Porzellan Selb. Seit 2011 bis heute ist sie Dozentin in der Fortbildung „Gestalter:in im Handwerk“ im Kompetenzzentrum Gestalter im Handwerk Halle /Saale. Cross Innovation ist ihr Thema – ein gelingendes Miteinander durch Kooperationen, im Wissenstransfer oder in experimentellen Formaten, ist ihr ein großes Anliegen.
Also freute sich Steffi Auffenbauer, ihre verschiedenen Perspektiven in die Juryarbeit einzubringen. Als erfahrene Keramik- und Glasdesignerin vermochte, sie Materialität und Technik anhand der Fotos, die zur Jurierung eingereicht wurden, zu deuten, Wertigkeit und handwerkliches Knowhow einzuschätzen. Als versierte Kommunikatorin konnte sie den Raffinessen in den Formulierungen und fotografischen Darstellungen der künstlerischen Positionen nachspüren, Details und Geschichten herauslesen und zur Bewertung der Bewerbungen heranziehen. Einmal mehr wurde deutlich, welche entscheidende Bedeutung die Professionalität der künstlerischen Selbstdarstellung für die Juryentscheidungen hat.
Das gemeinsame Gespräch im Kreis der Jury brachte weitere interessante Aspekte zu Tage. Alle Juroren betonten, wie sehr ihnen die interdisziplinäre Zusammenarbeit und der Austausch mit den Kollegen sowie die Auseinandersetzung mit den Einreichungen gefallen hat. Vor allem das Gefühl, voneinander zu lernen, kontroverse und doch gleichzeitig fruchtbare Debatten zu führen. Die hohe Bewerberzahl ermöglichte eine wahrhaftige Auswahl, auch die thematisch ausgelobten Preise beflügelten offensichtlich, der Ausschreibung zu folgen. Konsens herrschte in der Einschätzung der Qualität der GRASSIMESSE, die von allen Juroren als wichtiger Inspirations- und Referenzort für das Handwerksdesign in Deutschland beschrieben wird, dessen Strahlkraft im deutschen Kontext überrascht. Die Aufgabe der Messe, den Handwerkskünstlern und Designern über alle Altersstufen Rückenwind zu geben, scheint sich immer wieder zu erfüllen.
Zwischen der Fotojury und der tatsächlichen Veranstaltung im Oktober 2026 ist noch Zeit, konzeptionelle Ideen für die Messe zu entwickeln. Zu diesem Anlass wird Doppeldenk eine Sonderbespielung der „Licht in Bewegung“ Installation an der Fassade des Museums entwickeln. Auch der Gold- und Silberschmied Ludwig Menzel wird im Innenhof des Museums für großes Publikum einen Ashantiguss demonstrieren. Die Künstler selbst möchten der Messe mit ihren Angeboten zusätzliche Attraktivität verleihen.
Die GRASSIMESSE 2026 findet vom 23. bis 25.Oktober statt
Jury-Foto in der Pfeilerhalle des GRASSI MAK: Felix Bielmeier