Hintergrund

Kunststoffe als restauratorische Herausforderung

Museale Sammlungen, deren Gegenstände und ihre Bedeutungen bilden die Grundlage aller Museumsarbeit, auch im GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig. Die Objekte kommen als Ankäufe, Schenkungen und Leihgaben in das Museum, werden dort erforscht, dauerhaft bewahrt, interpretiert und ausgestellt. Eine inzwischen vierstellige Anzahl von Sammlungsstücken im GRASSI Museum für Angewandte Kunst besteht teilweise oder ganz aus Kunststoffen, die seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert als vielseitige Materialien für die Herstellung von Alltagsprodukten erfunden und eingeführt wurden.

H. Fuld & Co. Telefon und Telegrafenwerke AG, Richard Schadewell, 1928, Gehäuse und Hörer aus schwarzem Bakelit | GRASSI MAK Bildarchiv

Allen voran seit 1907 das Bakelit, als erster hitzebeständiger Kunststoff, der auch als elektrischer Isolator eingesetzt wurde. Weil die Anwendungsbereiche von Bakelit sehr vielfältig sind, inspirierte seine Entwicklung weitere Forschungen zu vielen neuen Kunststoffen. Mit PVC (Polyvinylchlorid) folgte 1912 ein Material, das bis heute zu den meistgenutzten Kunststoffen, beispielsweise als Fußbodenbelag, gehört.

In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts kam es zu einer Hochkonjunktur innovativer Kunststoffsorten, die bis heute völlig selbstverständlich unsere Produktwelten bestimmen. Plexiglas wurde aus Polymethylmethacrylat entwickelt, das flexible Nylon aus Polyamiden, festes Material aus Polystrol, das wir heute aufgeschäumt als Styropor kennen. Mit Polyethylen wurde 1933 der international meistgenutzte Kunststoff eingeführt, dessen Anwendungsbereiche für fast alles, von der Haushaltsfolie bis zu militärischer Nutzung, reichen.

Seither wird vor allem an der Optimierung und Spezifizierung bekannter Kunststoffe gearbeitet. Neben sogenannten Co-Polymeren, also Verbindungen von zwei Kunststoffen, sowie Mischungen unterschiedlicher Kunststoffe, entwickelte man auch biologisch abbaubare Bio-Polymere Kunststoffe, die aus der Perspektive von Nachhaltigkeit und Umweltschutz besonders bedeutsam sind. Heute bestimmen Kunststoffprodukte massenhaft unseren Alltag. Das Material ist billig in der Herstellung und einfach in der Verarbeitung, lebensmittelecht, leicht und in allen Farben zu haben.

Daniel Weil, & Parenthesis Ltd, „Bag Radio“ .1981 – 1990, Metall, Kunststoff | GRASSI MAK Bildarchiv

Doch viele von uns werden schon die Erfahrung gemacht haben, dass alternde Plastikprodukte mit der Zeit spröde und brökelig, mitunter auch verfärbt oder klebrig werden. Es stellt sich immer drängender die Frage, wie man mit diesen unliebsamen Phänomenen im Kontext einer Museumssammlung, in der viele ikonische Designobjekte aus Kunststoffen bewahrt werden, umgehen kann. Im Gespräch mit Kay Draber, Leiter der Restaurierung und Fachmann für Metall am GRASSI, erfahre ich, welche Herausforderungen sich zu dieser Thematik stellen und welche Vorgehensweisen sich im Umgang damit anbieten.

Als Restaurator wird man idealerweise nicht erst aktiv, wenn etwas kaputt gegangen ist. Die eindeutig bessere Lösung ist, präventiv vorzugehen. Die adäquate Lagerung hat hier generell, bei allen Materialien und ihren Kombinationen, höchste Priorität. Denn mit der Fertigstellung eines jeden Produktes, gleich aus welchem Material, setzt sein Verfall ein. Jedem Stoff, den wir herstellen, wird Energie zugeführt, die sich natürlicherweise abbaut, auf ein immer niedriges Niveau fällt – das Objekt altert. Wie sich dieser Zerfallsprozess in welchem Tempo zeigt, richtet sich nach dem verarbeiteten Material. Bei Kunststoffen hängt es davon ab, auf welchen Stoffgruppen sie basieren, wie empfindlich diese auf UV-Licht und Temperaturen reagieren, Farbechtheit aufweisen oder vergilben beziehungsweise verblassen, wie stabil sie Hitze aushalten oder Schadgase ausdünsten. Es gibt keine Reaktion, die einfach nur so geschieht.

Messung mit Raman-Spektrometer | Foto: Kay Draber

Kunststoffe werden aus unterschiedlichen Komponenten erzeugt, die bei industriell hergestellten Produkten schon lange hinweispflichtig sind. Geringste Abweichungen in den Rezepturen wirken sich bereits auf die Qualität der Kunststoffe aus. Die zahlreichen Kunststoffobjekte in der Designsammlung des GRASSI Museums für Angewandte Kunst umfassen jedoch nicht nur Industriedesign, sondern auch Plastiken und zeitgenössischen, oft auch experimentellem Schmuck. Bei Unikaten und künstlerischen Objekten sind die präzisen Inhalte der verwendeten Kunststoffe eher selten nachvollziehbar zu erfassen. Bei der Übernahme in die Sammlung ist es daher besonders wichtig, eine sorgfältige und lückenlose Dokumentation aller relevanten Materialdetails zu erstellen. Diese und die Erfahrung und Expertise der Restaurator*innen, müssen bisher für den Versuch reichen, die Abbauprozesse der Kunststoffe positiv zu gestalten, indem sie unter entsprechenden Bedingungen gelagert werden. Besonders anspruchsvoll verhalten sich hier elastische Kunststoffe mit hohem Weichmacheranteil, die dazu neigen, zu verkleben. Andererseits gibt es Objekte, die unter Luftabschluss in Folie verpackt, ihren Zersetzungsprozess verlangsamen und dadurch besser zu bewahren sind. Der gesamte Themenkomplex ist wirklich herausfordernd und steigert sich z. B. angesichts von Schmuck-Unikaten, die technisch mit höchster Fingerfertigkeit und bestechend ästhetischem Anspruch jedoch aus Discounter-Plastiktüten als Grundmaterial hergestellt wurden, deren materieller Zerfall ja eigentlich gewollt ist. Nicht aber für das Kunstwerk!

Messung mit Raman-Spektrometer | Foto: Kay Draber

Heute ist die Kunststoffrestaurierung ein eigenes Fachgebiet innerhalb des Restauratorenberufes, in dem seit den 1990er Jahren viel Forschung betrieben wird, die letztlich allen Restaurator*innen und Museen zugutekommt. Seit circa 30 Jahren gibt es Grundlagenforschung, seit 20 Jahren auch empirische Forschungen und Erfahrungen in den Museen, spezialisierte Restaurator*innen, meterweise Fachliteratur, Netzwerktreffen unter Kolleg*innen und Expert*innen sowie Open-Source-Datenbanken.

Am Anfang steht immer die spezifische Analyse der Komponenten des Materials. Aus welcher Zeit und welchem Kontext stammt das Objekt? Ab wann hat es den gesuchten Kunststoff schon gegeben und in welcher Zusammensetzung? Welche unterstützenden Hinweise ergibt die Art ihrer Verarbeitung?

Aktuell berichtet Kay Draber von einem Projekt in einer geplanten Kooperation mit dem Lehrstuhl Museologie der HTWK Leipzig – in der Absicht, die Studierenden für restauratorische Fragen zu sensibilisieren. Die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur plant ein mobiles Messgerät anzuschaffen, ein Raman-Spektrometer, der mit Laserlicht zerstörungs- und kontaktfrei anhand kompatibler Spektrenbibliotheken präzise Materialanalyse und Bestimmung ermöglicht. Erste vielversprechende Tests hat es hier schon gegeben und die Erwartungen sind groß. Projektweise sollen die Kunststoff-Objekte der Museumssammlung durchgegangen und untersucht werden.

Ausstellung 1970er Jahre bis Gegenwart | GRASSI MAK Bildarchiv

Die Chancen, zukünftig durch eine schnelle und zuverlässige Untersuchung der Kunststoffzusammensetzungen Zerfallsprozesse sehr viel erfolgreicher als bisher durch richtige Maßnahmen aufhalten zu können, sind hoch. Durch die analytische Bestimmung des Materials kann man im Abgleich mit empirischen Erfahrungen Hinweise gewinnen, ob es sich um Problem-Kunststoffe handelt und diese dann entsprechend lagern, also z. B. kühl, unter Sauerstoffabschluss etc.

Der Bereich der Kunststoff-Forschung und Produktion hat weltweit milliardenschwere wirtschaftliche Relevanz. Entsprechend wird auch der Anteil an Kunststoff-Artefakten, die sehr empfindlich auf äußere Einflüsse reagieren, in der Museumssammlung weiter zunehmen. Sie müssen langfristig in einem guten Zustand erhalten werden um in der Zukunft als Botschafter ihrer Zeit wirken zu können.