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Das Geheimnis um Poliphilos Liebeskampftraum

Noch bis zum 8. April 2026 erwartet Sie ein roter Pavillon inmitten der Pfeilerhalle des GRASSI Museums für Angewandte Kunst in Leipzig. Dessen Raum, von der Venice International University unter der Leitung des Architekten Marco Marino entwickelt, bietet das interaktive und multimediale Erlebnis, in die doppelte Revolution von Druckkunst und Buch einzutauchen. Mit Klängen, Bildern und Texten wird das Venedig der Renaissance als Metropole der Produktion und des Handels mit Büchern wieder lebendig.

Aldo Manuzio, Kupferstich Anonymus um 1640 | foto: GRASSI MAK

Beleuchtet werden außerdem Kontext und Ausstrahlung der innovativen Tätigkeit des Verleger Aldo Pio Manuzio (1449–1515). 1494 gründete er die Officina »Aldina« in Venedig, deren Signet einen Delphin, der sich um einen Anker windet, zeigt: das Motte „Eile mit Weile“, der Delphin Geschwindigkeit, der Anker Langsamkeit symbolisierend. Aldo gilt als der Erfinder des kleinen, leichten Buches im Oktavformat, der damit den Weg für das mobile Lesen ebnete. Mit seinen philologisch wie typografisch sorgfältig gestalteten Editionen trug er, an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit, maßgeblich zur Wiederentdeckung der antiken Literatur und Philosophie bei. Wegweisend war auch seine konsequente, lesefreundliche Interpunktion.

Darüber hinaus steht hier ein ganz besonderes Druckwerk aus der Offizin des Aldo Pio Manuzio im Zentrum der Aufmerksamkeit, anlassgebend für die kleine, feine Präsentation: es handelt sich um den geheimnisumwitterten, in der Renaissance viel gelesenen Roman »Hypnerotomachia Poliphili«, dessen große Kostbarkeit als Inkunabel zum Sammlungsbestand des Grassimuseums gehört – ein Glücksfall, wie der frühere Leiter der Bibliothek und Grafik-Sammlung Eberhard Patzig zu berichten weiß.

Die erste Ausgabe der „Hypnerotomachia Poliphili“, des wohl schönsten und geheimnisvollsten Buches der Renaissance, erschien 1499 in einer volkssprachlichen Edition. Als ein opulent gestaltetes, großformatiges Buch, mit über 400 in der von Aldo Pio Manuzio entwickelten Bembo-Type gesetzten Textseiten, in die 172 exquisit künstlerische Holzschnitt-Illustrationen eingepasst sind. Es gilt als das erste, in zeitgenössischer italienischer Sprache gedruckte Buch, wenn auch stark dialektal gefärbt, mit vielen Fremdwörtern und Wortneubildungen, voller Aphorismen, Sinnbilder und Hieroglyphen.

»Hypnerotomachia Poliphili« Detail | Foto: GRASSI MAK

Der Held des Romans, Poliphilos, wandert auf der Suche nach seiner Geliebten Polia durch akribisch beschriebene, fantastische Kunst- und Architekturlandschaften. Wo er auf Fabelwesen, Göttinnen und Nymphen trifft, in ein Labyrinth gerät und von einem Drachen verfolgt wird. Viele Motive dieser Geschichte finden sich als Zitate in der zeitgenössischen Bau- und Gartenkunst wieder. Es ist allerdings bisher unbekannt, wer der Autor der stark verrätselten Geschichte und der Schöpfer der Holzschnitt-Illustrationen dieses bemerkenswerten Werkes sind, von dem heute weltweit noch circa 200 Exemplare nachgewiesen werden können.

»Hypnerotomachia Poliphili« ausgestellt im GRASSI MAK | Foto: SvGwinner

In den Bestand des GRASSI Museums für Angewandte Kunst geriet eine Erstausgabe der „Hypnerotomachia Poliphili“ im Jahr 1884 als eine Schenkung von 27 Leipziger Buchhändlern, die allerdings nicht genauer benannt werden können. Sie wollten dieses druckgrafische Meisterwerk der Renaissance für die im 19. Jahrhundert führende Buch- und Verlagsmetropole Leipzig sichern. Das Exemplar war damals in einen reichhaltig geschmückten Ganzledereinband gebunden, dessen darin integrierte Kartusche den renommierten französischen Bibliophilen Thomas Maioli „Tho. Maioli et amicorum“ als Vorbesitzer auswies. Dieser war Privatsekretär der Katharina von Medici und seine Bibliothek berühmt für bedeutende Beispiele der Buchkunst der Renaissance: für Einbände von höchster Qualität in Ausführung und künstlerischer Gestaltung, oft mit komplexen geometrischen Mustern, Verschlingungen und einer spezifischen goldenen Beschriftung. Fasziniert von der Attraktion dieser Herkunft, haben die die Leipziger Buchhändler teuer bezahlt.

Erst Richard Graul, von 1896 bis 1929 Direktor des Leipziger Kunstgewerbemuseums am Königsplatz (heute Wilhelm-Leuschnerplatz), im Gebäude der heutigen Stadtbibliothek, enttarnte den Einband als Fälschung des 19. Jahrhunderts. Er hatte unter den damaligen Museumsdirektoren eine Vereinigung zur Aufdeckung von Fälschungen gegründet. Hier wurden diskret und ohne an die Öffentlichkeit zu gehen, Fotografien von als Täuschung erkannten Objekten aus allen Materialgruppen ausgetauscht, auch das Bild des Leipziger Exemplars „Hypnerotomachia Poliphili“1499. Der historisch falsch eingeordnete Prachtband wurde 1915 abgenommen und auf einen Blindband gezogen, dessen Spuren sich in den Tiefen der Stadtbibliothek verlieren. Heute umfängt ein schlichter, halblederner Bibliothekseinband die wertvollen Seiten der Inkunabel.

Die Stadtbibliothek ist als historisch gewachsen Kultureinrichtung die Mutter aller musealen Einrichtungen in Leipzig. In der Zwischenkriegszeit verfügte sie im heutigen Städtischen Kaufhaus, dem sogenannten Gewandflügel, über eine wunderbare, öffentlich zugängliche Bibliothek. Darüber hinaus wurden dort museale Räume mit Vitrinen eingerichtet. In diesem Zusammenhang bat die Bibliothek das Museum um die Überlassung des Originals „Hypnerotomachia Poliphili“, um es dort auszustellen. Im Gegenzug erhielt das Museum eine spätere Ausgabe von 1545, ein noch in der Nachfolgerschaft von Manuzio in Venedig erschienenes, benutzbares Exemplar in italienischer Sprache. Dieser Austausch erfolgte ohne rechtliche Eigentumsänderungen. Bald darauf kamen die Nazis und der Krieg.

Im Jahr 1946 gab das Museum das Exemplar von 1545 zurück an die Bibliothek. Erst in den 1980er Jahren bemerkte Eberhard Patzig als neuer Leiter der Bibliothek und Grafischen Sammlungen des GRASSI Museums für Angewandte Kunst die Lücke. Er bemühte sich, den Verbleib des Originals von 1499 zu ermitteln und wurde nach etlichen Jahren, wenig überraschend, in der Universitätsbibliothek fündig. Vergeblich versuchte er die dortigen Kollege*innen mit dem Anspruch des Museum zu überzeugen. Beweisen konnte er die Existenz der wertvollen Inkunabel erst, als im Jahr 1988 ein Fachband über die historischen Bestände der Bibliothek herausgegeben wurde. Schon beim ersten Durchblättern entdeckte Eberhard Patzig das Objekt auf den Abbildungen und ergriff sofort die Initiative. Es sollte weitere zehn Jahre dauern, bis die Rückgabe von Rektor und Kanzler schließlich veranlasst wurde.

Hypnerotomachia Poliphili | Elfenbein Verlag

Um „Hypnerotomachia Poliphili“ ranken sich vielfältige Faszinationsgeschichten, gleich aus welcher Perspektive man es betrachtet. Selbst die individuelle Historie des museumseigenen Exemplars umweht das Geheimnisvolle. Doch auch insgesamt bieten viele Unbekannte im Kontext dieses Schlüsselwerkes der italienischen Renaissance noch genug Rätsel, die es zu klären gilt.

Fast am Ziel ist der Verleger Ingo Držečnik. Inspiriert durch eine Veröffentlichung zum 500. Jahrestag der Inkunabel träumt er seither davon, Poliphilos Liebeskampftraum ins Deutsche zu übertragen und in seinem Elfenbein Verlag herauszugeben. Nun, unglaubliche 25 Jahre später, nähert sich die Übertragung seines Übersetzers Rafael Arnold ihrer Vollendung. Zusammen mit den Holzschnitten wird sie in einer Leseausgabe, die dem Original in den ästhetischen und stilistischen Details so nah wie nur irgend möglich kommt, publiziert zu werden.

> Mehr Informationen zu Aldo Pio Manuzio – die Erneuerung der Buchkultur um 1500