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Was macht das Museum, wenn es alleine mit sich bleiben muss?

Die Türen fest verschlossen, zugeklappt wie Dornröschens Augen nach dem Stich der Spindel. Wenn es die Wintersonne nur ab und an und immer seltener schafft, noch einen neugierigen Strahl ins Treppenhaus zu schicken, in dem schon längst keine aufgewirbelten Stäubchen mehr tanzen, weil sich nichts mehr regt.
Wenn das sonst verheißungsvoll gedimmte Licht der Säle dunkel bleibt.

Albers-Fenster Treppenhaus Grassimuseum

Wenn keine Lampen, Strahler, Spots all die schönen Exponate mit ihrem hellen Schein umschmeicheln, mit Schatten werfen und Silhouetten malen.
Wenn all die Schätze nicht in helles Licht getaucht genau betrachtet und ausgiebig bewundert werden können.
Wenn alle Räume dunkel und leer stehen, keine Schritte, kein Flüstern, keine murmelnden Stimmen.

Wenn es ganz still ist und nur hin und wieder das Quietschen der Tram leise von draußen herein dringt.

Was macht das Museum, wenn es alleine mit sich bleiben muss? 

Wie viel Liegengebliebenes lässt sich noch erledigen?
Welches Depot, welche Sammlung kann noch aufgeräumt, noch sortiert werden?
Welche Neuzugänge sind katalogisiert, was alles digitalisiert?
Wann ist das Digitale realer, wahrhaftiger als das Analoge?
Als einziges verbleibendes Fenster nach außen, nach draußen?
Unter Milliarden von Fenstern, die um die Gunst derer ringen, die sie suchen, die sie finden, die sie entdecken, durch Zufall, mit Glück und mit einem Klick wieder davon sind – flüchtig.
Weil sie sicher sein dürfen zu jeder Zeit, heute Abend, morgen früh, in drei Monaten, in zwei Jahren zurückkehren zu können.
Einen Insta– oder Facebook-Like als Gruß zurücklassend, der begierig gezählt wird – und die Illusion, vermisst zu werden, nährt.

Was macht das Museum, wenn es alleine mit sich bleiben muss?
Werden die Exponate wohmöglich lebendig?
Steigen sie heimlich aus den Vitrinen, von den Podesten und Wänden?
Gehen die Heiligen aus den Altären erst mal einen trinken, da hinten im Raum 14, während die Madonnen sich und ihren Kindern einen Tee aufbrühen?
Findet ein Generationen und Zeitalter übergreifendes Kennenlernen statt?
Lustwandeln die fröhlichen Chinesen aus Zehmen zur Abwechslung in den “Veduten di Roma” aus Schloss Eythra?
Fachsimpeln die Herren aus der Schule von Athen tatsächlich über die Harnischen und Waffen in Raum 17?
Während die Wappenträgerinnen aus der Basler Kissenplatte sich kichernd, ja geradezu hysterisch, um die feinen Spitzen aus Raum 15 kabbeln.
Oha!
Auf der Suche nach wärmender Kleidung plündern Adam und Eva, der fröstelnde Herkules und die kleine Gliederpuppe aus Buchsbaumholz die Schatzkammer mit den liturgischen Textilien.
Die Porzellan-Putten vom Gellert-Monument spielen mit den Silberputten vom Westermann-Samowar Verstecken in den Barockschränken.
Engel und Pegasus sausen in gewagtem Flug über die Köpfe der Flanierenden und ins Gespräch vertieften Grüppchen hinweg.
Musikanten spielen zum Tanz auf.
Die Tänzerin Chiarina und mit ihr Pierrot und Pierrette, Pantalone und Columbine führen die muntere Gesellschaft in die Tanzkunst ein.
Die Stimmung steigt.
Alle wiegen sich hingebungsvoll im Takt der Musik.
Dann Geschirrgeklapper, Gläserklirren – die Gesellschaft versammelt sich zu einem grandiosen Festgelage.
Man sitzt beieinander,  tauscht sich aus über Herkunft, Gewohnheiten, Vorlieben, Reiseerlebnisse und Rezepte.
Bis ein Herr und eine Dame aus dem Gemälde des Paul Vredemann de Vries aus dem Jahr 1607  sich erheben und er mit dem Silberlöffel den hellen Klang eines Glaspokals ertönen lässt und um Aufmerksamkeit bittet. Alle Blicke wenden sich ihm zu. Die Gespräche versiegen.

Er kündigt eine Polonaise in Jugendstil und Gegenwart an. Begeisterte Zustimmung, Stimmengewirr, Stühle rücken, Aufbruchstimmung …

Wer die Personen, von denen da die Rede ist, treffen möchte oder einfach nur Sehnsucht nach seinem Museum hat, kann sich das  wunderbare Buch “Einblicke/ Durchblicke – ein Parcours durch die Sammlung des GRASSI Museums” unter den Weihnachtsbaum legen lassen.