Hintergrund

Champagner und Pasteten!

Montagvormittag: Ortstermin in der Jugendstilsammlung der Ständigen Ausstellung im GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig. In den Katakomben der Sammlungs-Depots steht Miriam Heckhoff, wissenschaftliche Assistentin des Direktors Dr. Olaf Thormann, mit ihrer kostbaren Fracht bereit. Auf einem Magazinwagen verbergen diverse Kartonagen glänzende Silberschätze in weißen Seidenpapieren. Sabine Epple, Kuratorin der Sammlungen Moderne, Meike Müller, Volontärin im Bereich Kommunikation und Marketing, und ich begleiten den Transport durch die langen Gänge und dunklen Hallen des leeren Museums in das Licht der Jugendstil-Sammlung.

Set aus Silber des dänischen Designers Christian Fjerdingstad (1891-1968) | Foto: vGwinner

Lebhaftes Stimmengewirr empfängt uns, denn Dr. Olaf Thormann, Sammler Jochen Voigt und Volontärin Dr. Ruth-Luise Junghans haben bereits ein Set aus Silber, eine Gruppe aus Kaffeekanne, Teekanne, Zuckerdose und Milchkännchen, des dänischen Designers Christian Fjerdingstad (1891-1968) in eine der großen Vitrinen platziert als hätte es schon immer dort gestanden. Es handelt sich um ein einzigartiges Set, das in seinen Details sehr schön die unvollendete Gestaltung der Objekte dokumentiert, quasi noch den Werkstatthauch atmet. Christian Fjerdingstad, der seit 1925 fünfzehn Jahre lang Kreativdirektor des führenden Unternehmens für Silberverarbeitung in Frankreich, die Orfèvrerie Christofle war, bevorzugte raffinierte und reduzierte geometrische Formen sowie gewagte Materialkombinationen.

v.l.: Dr. Olaf Thormann, Jochen Voigt, Meike Müller, Sabine Epple, dahinter: Miriam Heckhoff und Dr. Ruth-Luise Junghans | Foto: vGwinner

Immer wieder gibt es Gelegenheiten, neue Objekte in die bestehenden Arrangements der Ständigen Sammlungen zu integrieren. Mal gelingt es, die Präsentationen mit positivem Effekt zu verdichten, ein anderes Mal muss etwas aus dem bestehenden Kontext zu Gunsten eines Neuzugangs weichen. Hier traf es ein feines Porzellanservice, das seinen Platz für das beredte Silber des berühmten Dänen räumen muss. Dem subtilen Zusammenspiel aller Exponate in einem Raum widmet das gesamte anwesende Museumspersonal größte Aufmerksamkeit. Dr. Olaf Thormann macht, als Primus inter pares, die Probestellung der Neuzugänge zur Chefsache, mit größter Sorgfalt und um die Berücksichtigung der Argumente aller Umstehenden bemüht.

Aktuell bietet sich für das GRASSI Museum für Angewandte Kunst die großartige Gelegenheit, ein Konvolut an Silbergerät des bedeutenden Erneuerers der angewandten Kunst, Henry van de Velde, zu einem immer noch hohen aber vergleichsweise moderaten Preis zu erwerben. Seine Objekte erzielen heute auf dem Kunstmarkt respektable Preise, die mit dem quasi nicht vorhandenen Ankaufsbudget des Museums nicht zu realisieren sind. Bisher hütet das GRASSI Museum für Angewandte Kunst einen Stuhl und vier Steinzeuge des belgischen Designers, jedoch mit Ausnahme von Bestecken kein Silber.

Henry van de Velde: Visitenkartenschale von 1898 aus Messing | Foto: vGwinner

Ein Mitglied des Freundeskreises vermittelte den Kontakt zu einem Anbieter, der mit einer großen Auswahl an Spitzenstücken ins Museum kam, über die in Gänze überhaupt nicht gesprochen werden konnte. Und so wurde stundenlang probiert, um schließlich eine ideale Konstellation zu finden.

An diesem Montag demonstriert Olaf Thormann, warum es so wünschenswert wäre, diese besonderen Artefakte als perfekte Ergänzungen der bestehenden Sammlung zu erwerben.

Zuerst ist da eine Visitenkartenschale von 1898 aus Messing, ein eleganter „vide poche“ der erstmals in der Münchner Sezessions-Ausstellung gezeigt und dort auf historischen Fotografien zu erkennen ist. Es gibt ihn in mehrfachen Ausführungen, die minimal voneinander abweichen. Ein wunderbares Dokument großbürgerlicher Kultur, das sich gelassen in das Arrangement einer Vitrine mit Jugendstil-Keramiken und Türklinken einfügt.

Dr. Thormann findet den idealen Platz für die Teedose | Foto: vGwinner

Sensationell auch die silberne Teedose von 1903, die in ihrer reduzierten, bauchigen Form so nach vorne weist und doch nur in zwei Varianten überliefert ist, auch wenn ihr Entwurf mehrfach hätte hergestellt werden können. Innen vergoldet, außen mit einem Elfenbeinrand und einem Deckel mit aufgeschraubtem Kreuzmotiv akzentuiert. Diese kleine Silberdose behauptet sich souverän in Gesellschaft der sie umgebenden Keramiken.

Die Einsamkeit einer großen Terrine von 1903/04 mit sanft geschwungenen Formen und Golddekor aus der Königlich-Sächsische Porzellan-Manufaktur Meissen könnte auch ein Ende haben, wenn es gelänge, eine bezaubernde kleine Sauciere mit Golddekor aus der gleichen Familie sowie einen Soßenlöffel hinzu zu gewinnen. Diese Gruppe vermittelt als außerordentlich elegantes Match etwas von der Atmosphäre großbürgerlicher Tafelkultur zum Beginn des 20. Jahrhunderts.

Henry van de Velde Gemüseschüssel, Sauciere, Schöpflöffel und Pastetenheber | Foto: vGwinner

Insgesamt überzeugte das auch zwei Stiftungen, mit denen das Museum im Gespräch ist und die sich schon recht eindeutig für die vier genannten Objekte erklärten.

Doch das Angebot ist noch nicht erschöpft und so umfasst das Probe-Arrangement in der Vitrine weitere charmante Objekte, die die etwas dekadente Eleganz des Zeitgeistes vor dem 1.Weltkrieg reflektieren. Ein silberner Vorleger zum Servieren von Pasteten als perfekte Ergänzung des Teams „Terrine“, ein silberner Essteller sowie zwei silberne, grazile Sektschalen, die etwas von dem mondänen Flair der Zeit verraten. Henry van de Velde gründete seinen Erfolg nicht auf aufgesetzte Dekore sondern auf schwungvolle, organische Linien und Silhouetten, nicht auf Materialschlachten sondern auf den respektvollen Umgang mit dem jeweiligen Material. Gestaltung erkannte er als einen umfassenden Prozess, in den er Architektur, Innenraumgestaltung und Alltagsgegenstände mit einbezog. So kommt es, dass ein Chor seiner Objekte die deutlich besseren Geschichten erzählen kann als Einzelstücke.

Henry van de Velde Sektkelche und Silberteller | Foto: vGwinner

Daher wünscht sich Dr. Olaf Thormann für die Sammlung des Museums auch die weiteren Stücke. Sie werden in den nächsten Wochen an ihren designierten Plätzen in der Jugendstil-Abteilung der Ständigen Sammlung auf ihre Bewunderer warten und ihre Entstehungszeit, eine Zeit des Aufbruchs wie es auch unsere Zeit sein könnte, repräsentieren. Im Werksverzeichnis von Henry van de Velde, das der Kunsthistoriker Thomas Föhl mit anderen Experten in akribischer Arbeit kenntnisreich erstellte, kann man sich über alle Stücke informieren – er ist auch als Gutachter in dieser Sache für das Museum engagiert.

Gebeten werden Sponsoren und Spenderinnen, dem GRASSI Museum für Angewandte Kunst den Ankauf dieser spektakulären Ergänzungen für die Sammlung zu ermöglichen.

Ein beliebiger, zweckgebundener Obolus kann HIER leicht über den Freundeskreis des GRASSI Museums übermittelt werden.

Was für eine Freude, wenn es uns gemeinsam gelingt, die Schönheiten des bedeutenden Designers Henry van de Velde für unser GRASSI zu erwerben!