Hintergrund

Jede Menge Preise!

Die dreitägige GRASSIMESSE 2025 endete mit einem Besu­cherrekord: 8.680 waren gekommen um zu schauen, sich zu informieren und zu kaufen. Unter großem Jubel und Beifall wurden zur Eröffnung der GRASSIMESSE 2025 die Preise im Gesamtwert von 15.000 € verliehen. Doch mehr noch als ihr pekuniärer Wert zählt die Anerkennung wirklich herausragender Leistungen im Rahmen einer facettenreichen Messe mit starker Konkurrenz. Umarmt von „ihrem“ Museum, präsentierte sie sich charmant, lebendig, und mit vielen innovativen und überraschenden Details in Kunst, Handwerk und Design.

Here we proudly present the winners:

Sonngard Marcks | Foto: Felix Bielmeier

Der mit 3.000 € dotierten „Grassipreis des Carl und Anneliese Goerdeler- Stiftungsfonds ging an die Keramikerin Sonngard Marcks für ihr faszinierendes, in Fayencetechnik bemaltes Porzellan.

Die Jury:

„Die Tafel im Römischen Saal des GRASSI Museums für Angewandte Kunst ist festlich eingedeckt. Prachtvoll glitzern Geschirr, Blumenarrangements und Speisen im Spiegelglanz und warten auf die Gäste. Für die Gaumenfreuden ist gesorgt: Winzige Walderdbeeren, reife Zitronen, Kirschen, Artischocken, Spiegeleier und vieles mehr laden ein, näherzutreten. Doch im nächsten Augenblick kippt der Eindruck – das verlockende Mahl entpuppt sich als unerwartet belebt.

Sonngard Marcks, gedeckte Tafel im römischen Saal | Foto: vGwinner

Allerlei Krabbelgetier scheint die Tafel zu bevölkern. Beim genaueren Hinsehen offenbart sich die Täuschung: Alle Köstlichkeiten, jedes Insekt, sind aus Porzellan gefertigt und bemalt – eine Szenerie, die im starren Moment des keramischen Materials geradezu lebendig wirkt. Und doch stellt sich keine Irritation ein. Viel zu sehr versteht es Sonngard Marcks, sensibel und mit dem Blick für das Schöne, die Sprache der Natur einzufangen. Damit steht sie in einer langen Tradition, die ihre künstlerische Blüte im Barock hatte. Auch Kannen, Vasenformen und Platten treten in den Dialog mit der vergangenen Pracht. Sonngard Marcks interpretiert sie aber neu, immer mit einem kleinen Zwinkern.

Sonngard Marcks, gedeckte Tafel im römischen Saal | Foto: vGwinner

Die an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Halle (Saale) diplomierte Keramikerin gehört zu den selten gewordenen Künstler*innen, die die Fayence- und Porzellanmalerei noch auf diesem Niveau beherrschen. In der Fayencemalerei ist keine Korrektur möglich. Die Trennung der handwerklichen Arbeitsprozesse in der Manufaktur – der Fertigung der Gefäße und der Malerei – wird in ihrer Person aufgehoben. Das ist die hohe Kunst.

Und so gratuliert in diesem Jahr der Carl und Anneliese Goerdeler Stiftungsfonds zu diesem Gesamtkunstwerk, das bis ins Detail ein Augenschmaus ist. Um es mit den Worten der Künstlerin zu fassen: Es ist „vor allem: schön!“

Den mit 2.500 € dotierten smow-Designpreis erhielt Heinz-Jürgen Gerdes, Friesische Wollweberei/ Coastland für seine auf analogen Webmaschinen entstandenen Wollstoffe.

Heinz-Jürgen Gerdes | Foto: Felix Bielmeier

Die Jury:

„Unter dem noch jungen Label „Coastland“ stellt die norddeutsche Manufaktur von Heinz-Jürgen Gerdes Wolltextilien von höchster handwerklicher Qualität her. Indem hier die jahrhundertealte Webkunst auf moderne Weise weitergeführt wird, entstehen Produkte, die im besten Sinne zeitlos sind und deren zurückhaltendes Design in wohltuendem Gegensatz zu traditionellen Mustern auf Decken steht. Farben und Formen sind – so das Label selbst – von der norddeutschen Küste inspiriert, „von ihren Farben, der endlosen Weite und dem Leben am Meer.“ In den Decken und Kissen der Manufaktur meint man das Blau des Himmels wiederzuerkennen, den Horizont, den Sand.

Coastland Präsentation auf der GRASSIMESSE 2025 Foto: vGwinner

Auf den ersten Blick – und erst recht, wenn man die Textilien in die Hand nimmt – wird deutlich: Bei „Coastland“ steht das Material im Vordergrund. Die Verarbeitung ist absolut überzeugend und zeigt, dass großer Wert auf nachhaltige Produktionsprozesse und eine hochwertige Auswahl der Wollproduzenten gelegt wird. Zu den hohen Qualitätsstandards der Manufaktur zählt auch der ethische Anspruch, mit einwandfreien Schäfereien (unter anderem aus der Mongolei, aber auch aus Deutschland) zu arbeiten und Herstellungsprozesse transparent zu kommunizieren.

Die Jury würdigt mit diesem Preis zum einen das kulturelle Engagement von „Coastland“, das bedrohte Handwerk der Weberei zu bewahren, zum anderen auch das Bewusstsein für die ökologische Verantwortung, für Tierwohl und Natur, sowie die hohe Qualität der Produkte. Darüber hinaus wird die überzeugende Präsentation auf der Messe gelobt.“

Den mit 2000 € dotierten „Grassipreis der Leipziger Sparkasse“ erhielt die aus Südkorea stammende und in Halle (Saale) lebende Jeongyun Hyun, Absolventin des Studiengangs Modedesign an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle für ihre Stickbilder.

Jeongyun Hyun | Foto: Felix Bielmeier

Die Jury:

„Es sind kleine Bilder in knalligen Farben und moderner Optik in einer alten Handarbeitstechnik, die die Jury in ihrer künstlerischen und technischen Umsetzung überzeugten. Diese gestickten Bilder faszinieren durch die Gegenüberstellung und Zusammenführung von Gegensätzlichem: von Geschwindigkeit und Sillstand, von Digitalem und Analogem, von traditioneller Handarbeit und moderner Technik. Eindrücke aus unserem schnelllebigen Alltag, Motive aus der täglich an uns vorbeiziehenden, überwältigenden Flut der Bilder werden festgehalten, langsam Stich für Sich in das Gewebe eingetragen. Die Bilderflut wird entschleunigt.

Jeongyun Hyun: Metaverse Stoff, Stickerei, Bildrahmen 60×70 cm | Foto: Jeongyun Hyun

Die Motive für ihre gestickten Bilder findet die junge Künstlerin Jeongyun Hyun, die Modedesign an der  Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. studierte, überall in ihrem Alltag: auf der Straße, in der Natur und in der digitalen Welt. Ihre Arbeit bezeichnet sie als ihr „persönliches Archiv ihrer Ästhetik“, ein Archiv von dem, was sie sieht, ihr gefällt, sie beeindruckt. Sie archiviert und sammelt mit Nadel und Faden.

Beeindruckend ist die technische Umsetzung:  Jeongyun Hyun nutzt gekonnt, sorgfältig und kreativ die verschiedenen Möglichkeiten der alten Technik der Stickerei. So stehen Motive in Kreuzstich vor Flächen in Spannstich; variierende Lichtreflexionen der in unterschiedliche Richtungen gesetzten Flachstiche ebenso wie die Möglichkeiten plastischer Gestaltung durch Technik und Material werden gekonnt genutzt. Überraschend und erfrischend ist alte Technik hier modernst interpretiert und umgesetzt.“

Der mit 1000 € dotierten „Preis der Grassifreunde“ ging an Andreas Rier, Masterstudent im Fachbereich Glas/Keramik der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle für seine eindrucksvollen Glasarbeiten.

Andreas Rier | Foto: Felix Bielmeier

Die Jury:

„Andreas Rier gehört mit seinen gerade 30 Jahren zweifellos schon zur ersten Riege der europäischen Glaskunst-Szene. Bereits in seinem Industriedesign-Studium an der Burg Giebichenstein setzte er einen Schwerpunkt auf dem Umgang mit den Materialien Glas und Keramik. Heute arbeitet er hauptsächlich mit Kristallglas, das er in Holzformen ausbläst, die er zuvor mit Kettensäge und Schnitzmessern bearbeitet hat. Dabei verwendet er unterschiedlichste Holzarten und -oberflächen, bedient sich traditioneller wie moderner Fertigungstechniken und lässt auch dem (kontrollierten) Zufall Raum.

Andreas Rier, Glasspräsentation auf der Grassimesse 2025 | Foto: vGwinner

Am Heißglasofen und in enger Zusammenarbeit mit erfahrenen Glasbläsern entstehen so Gefäße, die die Eigenheiten und Grenzen des Materials ausloten, mit ihrer reichen Textur auf Naturformen verweisen und zugleich entschieden skulptural wirken. Vielfältig miteinander kombinierbar, changieren sie zwischen Gebrauchsgegenstand und Kunstobjekt.

Die Sicherheit und zugleich Spielfreude, mit der Andreas Rier experimentiert, lässt die nächsten Schritte dieses jungen Südtiroler Künstlers mit großer Spannung erwarten. Sein virtuoser Umgang mit dem Material mag der jungen Generation Mut machen, sich auf zeitgemäße Weise mit einem alten Handwerk auseinanderzusetzen und so zu seiner Erhaltung beizutragen.“

Der mit 1000 € ausgelobte „Apolline-Preis“ geht an den in Leipzig lebenden Keramiker Karl Lobo für seine modernen keramischen Arbeiten.

Karl Lobo | Foto: Felix Bielmeier

Die Jury:

„Karl Lobos keramische Arbeiten zeichnen sich durch eine freie, geradezu unkonventionelle Art aus – sie faszinieren sowohl durch die ungewöhnliche und leicht irritierende Formensprache als auch durch ihren Dekor dunkler Striche aus schwarzer Engobe, die unabhängig vom Gefäßkörper ein großes Eigenleben entwickeln. Die fern an Vasen erinnernden Keramiken strahlen dabei eine große Dynamik aus, können aber auch ganz meditativ in sich ruhen.

Karl Lobo Präsentation GRASSIMESSE 2025 Foto: vGwinner

Gerade diese Gegensätze sind charakteristisch für die sich zwischen Objekt und Wandbild bewegenden Arbeiten des Künstlers, bei denen sich Fläche und Linie bzw. Form und Bedeutung geradezu herausfordern. Zugleich zeichnen sich die Keramiken durch eine strenge grafische Qualität aus, die unterschiedliche Sichtweisen von Nah und Fern ermöglichen. Dabei können Formen über grafische Akzente zusätzlich betont werden, so dass der Objektkörper zum Malgrund transformiert. Lobo setzt damit Blickpunkte, an denen sich Betrachtende orientieren können – sie mögen die Form unterstützen oder sich verselbständigen und damit über das reine Gefäß hinausführen.“

Erstmals in diesem Jahr wurde der „Gemma Grassipreis“ als Sachpreis im Wert von 4.000 € verliehen, gestiftet von der auf Edelsteine spezialisierten Firma Ole Bergmann (Berlin) um der Verwendung von Juwelen einen neuen zeitgenössischen Impuls zu verleihen. Er ging an Sabine Steinhäusler.

Sabine Steinhäusler | Foto: Felix Bielmeier

Die Jury:

„Leise, zart und beinahe unscheinbar wirken die Schmuckstücke von Sabine Steinhäusler. Gerade aus dieser Zurückhaltung entwickeln sie jedoch ihre besondere Intensität und Kraft. Ihr neuer Silberschmuck ist wie ein Hauch, eine Ahnung von Material. Auf den sanft bewegten Oberflächen zeichnen sich schemenhafte Formen ab, die förmlich dazu einladen, sie zu berühren.

Auch mit Steinen arbeitet Sabine Steinhäusler gerne – jedoch nicht, um sie als krönende Juwelen in klassischer Fassung hervorzuheben. Ihr Anliegen ist die Gleichberechtigung der Materialien: Sie bearbeitet die Steine so, dass sie mit dem umgebenden Metall zu einer harmonischen Einheit verschmelzen – ebenso beeindruckend in ihrer Ausgewogenheit wie in der handwerklichen Präzision ihrer Ausführung.

Sabine Steinhäusler Schmuckstücke | Foto: vGwinner

In der Schmuckszene ist Sabine Steinhäusler seit vielen Jahren für ihre konstante, herausragende Qualität hoch angesehen. Wenn sie nun den Sachpreis in Form edler Steine erhält, darf nicht nur die Jury gespannt sein, auf welche Weise sie diese in ihren zukünftigen Arbeiten einsetzen wird.“

Der mit 1.500 € dotierte Jan Willems Preis, der sich explizit an Holz-Künstler wendet wurde in diesem Jahr mangels Kandidaten in diesem Gewerk nicht vergeben und steht stattdessen für einen Ankauf aus diesem Bereich für das Museum zur Verfügung.

Auch der „Nachwuchspreis der Firma culturtraeger“ wurde nun offiziell übergeben, deren Preisträger Arman van Heyden und Luis Steinhauser diesen für ihr Projekt „Digit – eine Open source Fingerprothese“ bekamen.

Arman van Heyden und Luis Steinhauser Preisübergabe | Foto: vGwinner

Die Jury:

„DIGIT stellt einen bahnbrechenden Schritt in der Entwicklung von Handprothesen dar, die weit über das traditionelle Verständnis von Produktdesign hinausgeht. DIGIT steht für Individualität und Inklusion – für Menschen, die mit Herausforderungen bei der Versorgung von Finger- und Teilhandprothesen konfrontiert sind.

Die Prothese ist leicht, stabil und – was besonders hervorzuheben ist – sie kann zum Teil von den Nutzer*innen selbst nachgebaut oder in Maker Spaces gemeinsam gefertigt werden. Dies eröffnet ungeahnte Möglichkeiten für eine niedrigschwellige Versorgung.  Über eine zugehörige Website und etablierte Open-Source-Plattformen können sich Nutzer*innen mit der weltweiten Community verbinden. DIGIT wächst und wird partizipativ weiterentwickelt, basierend auf den Erfahrungen und Bedürfnissen der Menschen, die sie nutzen.

Digit Prothesen | Foto: Autoren

DIGIT beweist, dass Design nicht nur ästhetische oder kommerzielle Ziele verfolgen muss, sondern in erster Linie den Menschen dient. Es zeigt auf, wie Design tatsächlich Wohlergehen und Teilhabe fördern kann. DIGIT ist als Semesterprojekt im Bereich „komplexes Gestalten“ im WS 2024/2025 entstanden und wurde betreut von Professor Christian Zöllner und Sophia Reißenweber.“

Der Grassi Nachwuchspreis ist eine Auszeichnung der Leipziger Werbefirma culturtraeger für herausragende Abschlussarbeiten junger Designer*innen von der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, die im Rahmen der Grassimesse in Leipzig vergeben wird. Mit dem Preis ist nicht nur ein Ankauf für die Sammlung des Museums verbunden, sondern auch eine Präsentation während der Grassimesse (oben im Foyer erster OG). Die Jury 2025 bestand hier aus: Paula Holzhauser, der letztjährigen Preisträgerin, Frank Zipke-Oppitz und Maik Schaper von culturtreager sowie Sabine Epple und Silvia Gaetti, Kuratorinnen am GRASSI Museum für Angewandte Kunst.

Übergabe des Preises der GRASSI friends an Marc Goldbach | Foto: Katrin Haucke

Schliesslich wurde am Ausstellerabend der GRASSIMESSE  auch erstmalig der „Preis der GRASSI friends“ – der jungen Freunde des Grassi Museums für Angewandte Kunst – an Marc Goldbach vergeben. Mitglieder der GRASSI friends bildeten die Jury und fanden den Preisträger bei ihrem Rundgang über die Messe. Der junge Produktdesigner Marc Goldbach darf sich über einen Ankauf des Jungen Freundeskreises im Wert von 500 € für die Sammlung des Museums freuen!

Die Jury:

Marc Goldbach Glas zur Messe gegenüber der Vitrine mit historischem Waldglas | Foto vGwinner

„Ein Griff in die Vergangenheit und handwerkliche Innovation – diese Ansätze schließen sich nicht aus. Die Verknüpfung ist auch nicht neu. Aber von höchster Relevanz. Betrachtet man in diesem Jahr die jungen Positionen auf der GRASSIMESSE, dann scheint darin eine geradezu heilsbringende Lösung zu liegen. Das Bewusstsein für alte Handwerkstechniken und Materialien ist Konzept und wird als Qualitätsmerkmal herangezogen.

Ausgangspunkt für die handwerklichen und künstlerischen Strategien von Marc Goldbach ist vorindustrielles Waldglas. So wie die Nuppen und Glasfäden die „ungewollte Farbigkeit“ aufpeppen sollten, bringt Marc Goldbach modern gedachte Applikationen auf Recyclingglas. Er nutzt historische Techniken in einer Wertschaffungskette und wirbt mit dem Design um Akzeptanz von Unreinheiten und Farbvariationen. Wegen des ganzheitlichen Ansatzes und der künstlerischen Qualität kaufen die GRASSI friends eine Vase für das Museum an.“

Blicke über die GRASSIMESSE 2025