Interview

Das „Volo“ als Nadelöhr

Im GRASSI Museum für Angewandte Kunst Leipzig gibt es drei Volontariatsstellen, die alle zwei Jahre neu besetzt werden. Aktuell ist Halbzeit. Ein perfekter Anlass, die drei Volontärinnen zum Gespräch im spätsommerlichen Innenhof des Museums zu bitten.
Joana Brauhardt arbeitet Museumsleiter Dr. Olaf Thormann zu. Sie studierte Kunstgeschichte und Anglistik in Leipzig und Jena. Die Kunsthistorikerin Thyra-Constanza Guenther-Lübbers kam mit dem Bachelor-Abschluss aus Bonn nach Leipzig, wo sie ihren Master machte und nun die Kuratorin Sabine Epple für die Sammlungen Moderne unterstützt. Im Bereich Kommunikation, Marketing und Bildung ergänzt Clara Kestel, die in Bamberg und Leipzig studierte, das Team von Anett Lamprecht. Die drei teilen sich ein gemeinsames Büro und managen, über ihre Volontariatsaufgaben hinaus, die GRASSI friends – den jungen Freundeskreis des GRASSI Museums für Angewandte Kunst.

Während die Kunsthistorikerinnen das Volontariat als unausweichliches Nadelöhr beschreiben, um sich in Zukunft für Kuratorinnen-Jobs in einem Museum bewerben zu können, sieht es Clara Kestel entspannter. Im Bereich Medien und Kommunikation ist es „nice to have“ – sie persönlich hatte schon studienbegleitend für eine Firma, die vegane Schuhe herstellt, gearbeitet und sah im Volontariat am GRASSI MAK ihre Chance, sich im Kulturbereich zu qualifizieren.

Joana Brauhardt

Begeistert berichten sie darüber, wie frei und eigenständig sie sich inzwischen im Mitarbeiterteam des Museums integriert fühlen. Die flachen Hierarchien empfinden sie als sehr entspannt und positiv für ihre eigene Entwicklung. Als großen Vertrauensbeweis erkennen sie das Zutrauen in ihr eigenverantwortliches Arbeiten. Ihr gemeinsamer Arbeitsraum ermöglicht ihnen den optimalen Erfahrungsaustausch untereinander, in die jede von ihnen ihre Expertise einbringen kann. Thyra-Constanza Guenther-Lübbers konnte sich bereits in den vergangenen Monaten als Kuratorin einer kleinen aber sehr feinen Ausstellung über die GRASSI Nachwuchspreisträger im Foyer profilieren, die sie sehr gekonnt inszenierte. Joana Brauhardt sieht sich der Aufgabe gegenüber, innerhalb von zehn Monaten eine Jugendstil-Ausstellung, auf der Basis der Schenkung des Sammlers Claus Pese, für die prominente Pfeilerhalle des Museums zu kuratieren. Noch steckt sie mitten im Prozess, die Struktur der Schau zu entwickeln, wobei sie die Einschränkungen hinsichtlich der Präsentation in der expressiven Raumarchitektur eher als Erleichterung empfindet. Auch so ist diese Herausforderung für ein Erstlingswerk recht anspruchsvoll.

In ihrer Dreiergemeinschaft und auch im Kontext des gesamten Teams erkennen die Volontärinnen sehr deutlich die großen Vorteile fachübergreifender Zusammenarbeit. Schon in der frühesten Planung spielen neben den kulturwissenschaftlichen Perspektiven auch die Aspekte der Kommunikation und Vermittlung eine große Rolle. Die Konzeption einer Ausstellung derart aus dem Blickwinkel ihrer Rezeption zu betrachten, erscheint den jungen Wissenschaftlerinnen als zukunftsweisend. Ein Segen sei es, dass die Abteilungen extrem miteinander verwoben sind und in allen Bereichen ein so kollegiales Klima herrscht.

Thyra-Constanza Guenther-Lübbers

Neben der Bewältigung ihrer musealen Volontariatsaufgaben wird von Joana, Thyra und Clara aber auch der Betrieb des jungen Freundeskreises „GRASSI friends“ erwartet. Zuerst war es eine große Herausforderung für sie, die Balance zwischen den Aufgaben für das Haus und den friends zu finden. 2019 gegründet, haben die GRASSI friends keine festen Strukturen und es war auch erst einmal völlig unklar, wieviel Zeit und Kapazitäten für dieses Projekt erforderlich sind, um es lebendig zu halten. Eigentlich sind die dort anfallenden Aufgaben originär ehrenamtlich, doch es gibt zur Zeit nur eine aktive Gruppe von 6 Mitgliedern, die sich von außerhalb des Museums rekrutiert. Letztlich fehlt eine Struktur, wie sie der Freundeskreis des GRASSI Museums hat, die alle Aktivitäten und Aufgaben aus ihrem Mitgliederpool heraus bewältigt. Genau diese Situation wünschen sich nicht nur die Volontärinnen. Um den jungen Freundeskreis in diese Richtung weiter zu entwickeln, werden sie noch mehr dafür werben müssen.

Clara Kestel

Für junge Menschen, die sich kulturell engagieren und vernetzen wollen, bieten die GRASSI friends alle nur denkbaren Möglichkeiten und Freiheiten. Veranstaltungsformate wie die „letzte Runde“ oder „GRASSI in love“ werden von den Vorgängerinnen übernommen und sehr erfolgreich weitergeführt. Der „GRASSI#Talk“ wurde in diesem Sommer entwickelt und ist ein sehr großer Erfolg, auch als Treffpunkt der kreativen Community junger Designer*innen der Region. In all diesen Formaten bietet sich das Museum idealerweise als Ort an. Aktuelle Lebensthemen wie Partnerschaft, Vereinbarung von Arbeit, Familie und Freizeit usw. verknüpfen sich hier auf zauberhafte Weise mit kulturellen Fragen, die in dem besonderen Kontext des Museums vielleicht noch andere Antworten finden lassen.

Wir sprechen darüber, mit lockeren Veranstaltungen Hemmschwellen abzubauen und dabei die Balance zwischen niedrigschwelligen Angeboten und dem intellektuellen Anspruch des Museums zu halten. Denn darin sind sich alle einig, dass es nicht darum gehen kann, möglichst massenhaft viele Leute ins Museum zu bekommen. Stattdessen aber wirklich Interessierten die Sammlungen zu zeigen und ihre Artefakte wirken zu lassen, Wissen zu vermitteln und die Auseinandersetzungen mit den wichtigen Fragen unserer Zeit zumindest zu thematisieren. Partizipation wird gefordert und angeboten. Die fortschreitende Digitalisierung sollte im Museum maßvoll angegangen werden, darin sind sie sich einig. Das Museum sollte weiterhin der Ort sein, an dem die Objekte analog und authentisch für sich sprechen – und das sollte auch als das sehr Besondere kommuniziert werden.

Schon sind wir mittendrin in der Diskussion über die Museen der Zukunft als attraktive Orte für alle und auch die jungen Generationen. Der die drei Volontärinnen ja auch angehören. Sie werden an dieser Transformation aktiv beteiligt sein – und wir sollten alle weiter darüber nachdenken und sprechen, wie es gehen könnte.

Die GRASSI friends und ihre vielfältigen Aktivitäten findet man auf Instagram