Hintergrund

Willkommene Koinzidenz

Ein thematisch wie auch atmosphärisch kongeniales Zusammentreffen kann man aktuell im „GRASSI Himmel“ erleben. Diese Gemeinschaftsfläche im 3. Obergeschoss der drei GRASSI Museen wurde Anfang des Jahres mit einer ersten Fotoausstellung vorgestellt. Das Treppenhaus erreicht hier sein adäquates Ziel in einem wohlproportionierten, 6.50 Meter hohen Raum unter der berühmten Ananas, dem Wahrzeichen des GRASSI.

Grassi Museum | Foto: Daniela Christmann

Anfang August wurde der Entwurf einer raumgreifenden Treppenskulptur von Thomas Moecker für den „GRASSI Himmel“ umgesetzt und im Kontext einer sehr besonderen Fotoausstellung der Öffentlichkeit vorgestellt.

Wenn man schon den Aufstieg durch das steinerne Treppenhaus, entlang der lichtdurchströmten Josef-Albers-Fenster, geschafft hat, sind es nur noch 18 Stufen hinauf zur Aussichtsplattform, zu den historischen Fenstern direkt unter der dachbekrönenden „Ananas“.

Offene Stadt: der Blick | Foto: SvGwinner

Hier reicht der Blick weit über den Ehrenhof des Museums und den Johannisplatz, über die Skyline der Stadt. Während die fensterlos introvertierten Sammlungsräume des Museums das eigene Gefühl für den konkreten Standort verwischen, gelingt einem hier, am höchsten Punkt der Innenarchitektur, eine klare Verortung im Gebäude und im Stadtraum.

Über einem sitzhohen Podest erhebt sich die Treppe, als gestalteter Block die Architekturelemente des hohen Raumes zitierend, aufwärtsstrebend die Charakteristika einer trutzigen Burg mit lichter Durchlässigkeit verbindend. Ihre Grundform folgt ihrer Funktion und ist proportional gekonnt in den Raum eingepasst. Die in der Deckenarchitektur eingetragenen Winkel der Unterkonstruktion der Ananas finden sich in den Wangen der Treppenkonstruktion wieder. Zurückhaltend und leicht wirkt das sichtbare Material in weiß lasierter Fichte, das die stabile Stahlkonstruktion darunter verbirgt. Zwei Personen ist es erlaubt, gleichzeitig die Skulptur zu besteigen, was somit ein exklusives Erlebnis bleibt und mit dem wunderbaren Blick auf die Stadt belohnt wird.

work in progress: Aufbau der Treppenkonstruktion | Foto: Thomas Moecker

Mit dem Titel „offene Stadt“ bezieht sich der Künstler Thomas Moecker auf das gleichnamige Buch von Richard Senett „Die offene Stadt“ in dem es um eine städtische Lebenswirklichkeit geht, die Gebautes und Gelebtes in Einklang bringt. „Alles kann man in einer Stadt machen“ postuliert Senett und es beginnt sicher damit, erst einmal auf die Stadt zu schauen. So erscheint die zeitgleiche Einweihung der Treppenskulptur mit der Fotoausstellung „Leipzig 1972“ von Ute Eskildsen und Timm Rautert tatsächlich als ein Glücksfall. Mit den Inhalten der Fotografien im Kopf den Blick auf das heutige Leipzig schweifen lassen, kann eine sehr besondere Erfahrung sein.

Fotoausstellung | Foto: Felix Bielmeier

Die jungen Fotografen Ute Eskildsen und Timm Rautert durchstreiften anlässlich eines Verwandtenbesuches im Herbst 1972 mit ihren Kameras eine Woche lang die Stadt Leipzig.
Zu dieser Zeit trug sich der junge Timm Rautert grundsätzlich mit der Frage, was DIE Fotografie denn sein solle, die vor allem in ihren sozialen Gebrauchsweisen präsent ist. Was will man mit Fotografie erreichen und wen adressiert man? Dieses analytische Vorgehen bildete die Grundlage seiner Arbeit, die Untersuchung des Mediums als ein abgeschlossenes Projekt in den Jahren 1968 bis 1974, in denen er eine Art Grammatik der Fotografie entwickelte, die ihn natürlich auch in den darauffolgenden Jahren begleitete: Was ist Zeit? Was ist Licht? Was ist Raum?
„Die Fotografie ist ein wichtiges Medium um die Welt zu verstehen. Es ist viel zu schade sie nur als Kunst zu gebrauchen“.
Nach ihrer Heimkehr nach Essen, wo sie beide Fotografie studierten, entwickelten sie noch die Negative, es entstanden auch einige wenige Abzüge, doch die ursprünglich geplante Publikation geriet angesichts anderer Projekte in Vergessenheit.

Ute Eskildsen & Timm Rautert: Sachsenplatz, Leipzig 1972

Erst bei der aktuellen Sichtung des gesamten Bestandes an Fotografien, im Zuge einer Archivierung für die geplante Übergabe des Werkes von Timm Rautert als Vorlass an ein Museum, tauchten die Negative aus Leipzig wieder auf. Timm Rautert, heute renommiert als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Fotografen und emeritierter Hochschulprofessor (1993 bis 2008 an der HGB Leipzig), und seine Frau Ute Eskildsen, die sich mit ihrer Karriere als Kuratorin und stellvertretende Direktorin der weltberühmten fotografischen Sammlung am Folkwang Museum in Essen internationale Reputation erwarb, entschieden sich dafür, dem Konvolut als „Leipzig 1972“ eine besondere Form zu geben. Jedes der 65 ausgewählten Fotos wurden nur einmal abgezogen.

Diese Abzüge werden in drei leinenbezogenen Kassetten, in Passepartouts, aufbewahrt. Timm Rautert erläutert diese Entscheidung: „Fotografie ist ein Medium der Vervielfältigung und des Überflusses. Ich habe genug Bilder in meinem Leben gemacht, es sollte dabei bleiben. Fotografien sind auch Andenken an das Leben, das man lebt. Mit diesen Bildern können nicht nur wir, sondern auch andere etwas anfangen, auf ihr Leben zurückblicken. Der historische Moment in den Bildern ist auch für uns als Fotografen überraschend und ermöglicht freier und anders auf diese Bilder zu schauen.“

Dr. Olaf Thormann, Leiter des GRASSI Museums für Angewandte Kunst, würdigt diese ungeschminkte Fotoserie als künstlerisches Dokument. Es ist ein stilles melancholisches, aber nicht hoffnungsloses Bild, was sie von der Stadt zeichnen. Die Wunden des Krieges sind in der urbanen Struktur noch allgegenwärtig. Zugleich entsteht ein Eindruck, der sich an der Ostmoderne festmacht. Viele Straßenzüge sind heute kaum mehr wiedererkennbar, die nachträgliche Lokalisierung der Ansichten war oft eine Herausforderung.

Ute Eskildsen & Timm Rautert: Leipzig 1972

Der Erzählreichtum in diesen Bildern macht sie einzigartig. Sie sind fern von allen Steigerungen, von Anklagen oder Pathos, sie verzichten auf das Abarbeiten von Sehenswürdigkeiten. Als Betrachter hat man sofort das Gefühl des Authentischen, so als würde man die Fotografen bei ihrem Spaziergang durch die Stadt begleiten. Barbara Klemm, Thomas Steinert, Evelyn Richter haben Ähnliches gemacht. Doch die Spezifik der Serie „Leipzig 1972“ besteht in ihrer Geschlossenheit und in ihrer durchweg subjektiven Sicht. Sie setzt sich vehement ab von den tausenden von Leipzig-Fotos die z. B. den offensichtlichen Auftrieb der Stadt während der beiden Messen im Jahr zeigen. Fotos für Postkarten, Kalender und Bildbände, alles Aufnahmen, die das kollektive Gedächtnis mit geprägt haben, wo Auftrag und Absicht ablesbar werden. Die Serie „Leipzig 1972“ gewinnt genau dadurch, dass sie ausschließlich die subjektive Sicht der beiden Fotografen offenbart.

Ute Eskildsen & Timm Rautert: Neumarkt, Leipzig 1972

Timm Rautert und Ute Eskildsen erinnern sich. Ihm war die Stadt Leipzig aus vielen Kinderferien im Kreis der Verwandtschaft dort vertraut, für sie war es das erste Mal. Zu dieser Zeit war man als junger Mensch auch im Westen durchaus eher links eingestellt und so waren sie sehr vorurteilslos unterwegs, in dem Glauben, dass es vielleicht doch schaffen sei den Sozialismus zu bewerkstelligen. Die Verwandten holten sie dann zurück aus diesen Träumen.
Auf ihren Streifzügen durch die Stadt wurden sie niemals angesprochen, keiner fragte nach, was sie da eigentlich fotografierten. Diese eigenartige Stille die es gegeben hat, daran erinnern sie sich beide nach 53 Jahren noch genau.

Treppenskulptur und Fotoausstellung | Foto: SvGwinner

Das glückliche Zusammentreffen der so verwandten Botschaften, der Treppenskulptur „offene Stadt“ von Thomas Moecker mit den schwarz-weißen Stadtansichten der Serie „Leipzig 1972“ von Ute Eskildsen und Timm Rautert, überrascht. Das ideale Zusammenrücken von Skulptur und Architektur eröffnet uns einen gleichermaßen wunderbaren wie ungewohnten Blick auf die gegenwärtige Stadt. Die Fotografien lenken unsere Aufmerksamkeit auf die Geschichte und Menschen der Stadt, ihren Wandel in Raum und Zeit. Und damit vielleicht auch auf ihre besonderen Potentiale für die Zukunft.

Das GRASSI Museum für Angewandte Kunst strebt eine Erwerbung der Serie „Leipzig 1972“ für seine fotografische Sammlung an. Fünfzig Prozent werden bereits von der Krupp Stiftung übernommen. Das Engagement weiterer Geber ist hochwillkommen.

Im Steidl Verlag erscheint ein hochwertiges Fotobuch mit allen Aufnahmen: Ute Eskildsen, Timm Rautert „Leipzig 1972″

Die Treppenskulptur und Fotoausstellung sind kostenfrei zugänglich und können während der Öffnungszeiten des Museums besucht werden.